Selten gelingt es einem Historiker, Struktur- und Ereignisgeschichte, den Blick auf eine Epoche und Details einer Biographie miteinander zu verknüpfen und ein lehreiches Buch zu verfassen, das obendrein spannend und leicht zu lesen ist. Anders als das Jubiläumsjahr der 48er-Revolution hat das gleichzeitige Jubiläum des Westfälischen Friedens von 1648 kaum Spuren auf dem Büchermarkt hinterlassen. Immerhin verdanken wir ihm aber die Übersetzung eines 700-Seiten-Werkes des Historikers Peter Englund, das im schwedischen Original bereits 1993 erschienen ist und sonst wohl keinen Verleger für eine deutsche Übersetzung gefunden hätte. Die Verwüstung Deutschlands. Eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges hat die genannten seltenen Vorzüge. Die Übersetzung von Wolfgang Butt bringt sie voll zur Geltung.
Im Zentrum des Buches steht die Intervention Schwedens in den Jahren 1630 bis 1648. Doch beginnt das Buch mit einem Kapitel zum Jahr 1656, das die Schlacht von Warschau beschreibt, in der die Truppen Carl Gustavs von Schweden und des brandenburgischen Kurfürsten ein zahlenmäßig überlegenes, vereinigtes polnisch-litauisches Heer besiegten. Peter Englunds Held ist nach einer Reise aus Italien durch Deutschland gerade noch rechtzeitig zum Heer gestoßen. Erik Dahlberg, vor seiner Erhebung in den Adelsstand Erik Jönsson, Fachmann für Festungsbau und Zeichner ist eine kleine Nebenfigur des Zeitgeschehens. Um so mehr ist sie geeignet, in ihrer Biographie, die großen Ereignisse zu spiegeln und zu brechen. Bezeichnend zum Beispiel, daß in seinen Tagebuchaufzeichnungen der Friedensschluß von 1648 gar nicht erwähnt wird und auch keine Reaktion auf ihn verzeichnet ist: "Es zeigt, wie unbemerkt große, allgemein bekannte Daten und sogenannte Epochengrenzen am Leben einfacher Menschen vorübergehen konnten. Gerade im Fall des Westfälischen Friedens ist dies keineswegs verwunderlich. Friedensschlüsse hatte es vorher gegeben, zum Beispiel in Prag 1635, aber sie hatten stets zu Enttäuschungen geführt."
Mit dem Eingangskapitel macht Englund auf Kontinuitäten und Brüche nach dem Dreißigjährigen Krieg aufmerksam. Schweden war im Dreißigjährigen Krieg zu einem mit Hilfe eines Beamtenapparates vergleichsweise straff geführten Zentralstaat geschmiedet worden, der über eine gefährliche Kriegsmaschinerie verfügte. Nach dem Westfälischen Frieden konnte sie nicht mehr im Zentrum Europas eingesetzt werden, war aber an der Peripherie, gegenüber Staaten, die am europäischen Krieg nicht beteiligt gewesen waren, um so wirksamer. In der Schlacht von Warschau traf eine mittelalterliche Welt auf einen Staat, für den der Dreißigjährige Krieg einen Modernisierungsschub bedeutet hatte, und erwies sich ihm als hoffnungslos unterlegen.
Nicht zuletzt Englunds schwedische Perspektive, die alles andere als nationalborniert ist, macht sein Buch interessant. Woraus zog dieser Staat seine vorübergehend außerordentliche kontinentale Macht? Im Inneren scheint sie auf dem Zusammentreffen von freien Bauern und einem Vorsprung an moderner Staatlichkeit zu beruhen. Im europäischen Mächtesystem besteht sie in der Funktion eines Stoßkeils gegen die drohende Hegemonialmacht der Habsburger, die Schweden in den Genuß niederländischer und französischer Subsidien brachte.
Obwohl der Dreißigjährige Krieg auf den verschiedenen Seiten auch von mehr oder weniger rationalen politischen Zielen bestimmt war, besteht seine Besonderheit gegenüber früheren Kriegen und den späteren Kriegen bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein darin, daß er sich der Kontrolle durch die Politik zu entziehen schien und zunehmend seine Beweggründe in den eigenen Mechanismen fand. Einer der Gründe bestand in der Finanzierungsweise, die einen Friedensschluß zugleich zu dem Zeitpunkt machte, an dem die Schulden fällig wurden. Ein anderer Grund lag in der zunehmenden Verwüstung des Kriegsgebietes, die zur Unterhaltung der Heere immer wieder seine Ausdehnung auf Regionen nahelegte, die von Zerstörungen bisher weitgehend verschont geblieben waren. Noch ein Grund lag in der Grausamkeit des Krieges selbst. Über das bis dahin beispiellose Massaker in der von kaiserlichen Truppen gestürmten Stadt Magdeburg schreibt Englund: "Was die Menschen (die schon viel gewöhnt waren, Anm. js) schockierte, war das Ausmaß des Massakers". Englund weiter: "Etwas Böses und Finsteres, das stärker war als der menschliche Wille, war in Deutschland entfesselt worden, etwas, das aus Geschehnissen wie diesem Energie gewann und nun wie ein großes und schweres Rad zu rotieren begann - sich drehte und drehte - in immer schnellerem Tempo."
In sich war der Krieg alles andere als eindeutig: "Zum ersten war er ein deutscher Bürgerkrieg, der aus den scharfen Gegensätzen zwischen Katholiken und Protestanten entstanden war. Zum zweiten war es auch ein deutscher Bürgerkrieg um verschiedene konstitutionelle Fragen, ausgetragen zwischen einem Kaiser, der die Zentralmacht stärken wollte, und verschiedenen Fürsten und Staaten, die danach strebten, ihre Selbständigkeit zu sichern. Zum dritten war es auch ein deutscher Bürgerkrieg zwischen Herrschenden und Untertanen, wo sich die gewöhnlichen Kriegsoperationen vermischten mit kurzen, aber intensiven Volkserhebungen in den Städten und auf dem Land, die sich unter anderem gegen die Teuerung und feudale Unterdrückung richteten. Der Krieg wurde dadurch noch verwickelter, daß die Frontlinien keineswegs miteinander deckungsgleich waren..." Erleichtert durch den religiös-konfessionellen Charakter und durch die potentielle Hegemonialmacht der Habsburger in Europa trug der Krieg zum vierten von vornherein die Keime eines großen europäischen Krieges in sich, dessen Schauplätze sich keineswegs auf das Reich beschränkten, auch wenn sie sich dort konzentrierten. Folgerichtig konnte er schließlich auch nur durch einen europäischen Frieden beendet werden.
Englund erzählt die Geschichte seines Helden, der historischen Nebenfigur Erik Dahlberg, und die Geschichte des Krieges seit der schwedischen Intervention parallel und versucht nicht etwa, die Nebenfigur auf die Höhe der Ereignisse zu heben oder diese Ereignisse auf dem Boden seiner Erlebnisse zu schildern. Er hält beide Erzählstränge getrennt, auf beiden Ebenen der Erzählung tauchen zwar Berührungspunkte zwischen der persönlichen Geschichte und der Geschichte der großen Ereignisse auf, aber die Peinlichkeit wird vermieden, sie unmittelbar zusammenzufassen. Dazwischen finden sich immer wieder Kapitel, in denen soziale Strukturen, Sitten und Gebräuche, der Stand von Wissenschaft und Technik erläutert werden, und in einem eigenen Strang werden auch Schwedens Versuche, in Amerika selbständig Fuß zu fassen, erzählt. Im Unterschied zu Barudios Buch über den "Teutschen Krieg", das gelegentlich dazu neigt, die schwedische Intervention zu idealisieren, zeigt Englund keinerlei Tendenz, die schwedischen Motive zu überhöhen und die entsprechenden Taten zu beschönigen.
Das Buch verzichtet auf einen wissenschaftlichen Apparat, aber stets hat man das gute Gefühl, daß sich der Autor auf eine außerordentlich breite Quellenbasis stützt und mit den Quellen kritisch umzugehen versteht. Trotz des blutigen Geschehens läßt der Autor gelegentlich Ironie aufblitzen, immer auf Kosten der Großen, denen so vieles danebengeht. Solche Bücher fehlen gegenwärtig in der deutschsprachigen Geschichtsschreibung. Aber nur über sie läßt sich historische Bildung verbreiten.
Daß Bücher wie Peter Milgers Gegen Land und Leute. Der Dreißigjährige Krieg dazu taugen, muß bezweifelt werden. Es ist das Begleitbuch zu einer gleichnamigen Fernsehserie des Hessischen Rundfunks, die der Autor zwischen 1994 und 1998 recherchiert und realisiert hat. Es besteht aus vielen Zitaten, kurzen Zwischentexten und vielen Illustrationen. Aber da das Buch auf jede konzeptionell-literarische Anstrengung verzichtet, ist es auch kaum lesbar. Es ist aufs Durchblättern und Anschauen angelegt. Als kleines Nachschlagewerk kann Friedemann Bedürftigs Taschenlexikon Dreißigjähriger Krieg gelegentlich nützlich sein. Für sich allein bringt es nichts.
Peter Englund, Die Verwüstung Deutschlands.
Eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. Aus dem Schwedischen
von Wolfgang Butt, Stuttgart (Klett-Cotta Verlag) 1998 (712 S., 68,00 DM)
Peter Milger, Gegen Lnad und Leute. Der Dreißigjährige
Krieg. Ursachen, Verlauf und Folgen, erzählt an Hand von teilweise
unveröffentlichten Bildern, Augenzeugenberichten und Dokumenten, München
(Bertelsmann Verlag) 1998 (336 S., 59,90 DM)
Friedemann Bedürftig, Taschenlexikon Dreißigjähriger
Krieg, München (Piper Verlag) 1998 (261 S., 16,90 DM)
Als Denis de Rougemont, ein libertärer Föderalist, 1935 in das nazistische Deutschland kam, um an der Frankfurter Universität eine auf ein Jahr befristete Lektorenstelle anzutreten, hatte er den Begriff des Totalitarismus schon im Gepäck. In ihrer Polemik gegen das Schwarzbuch über die Verbrechen des Kommunismus und bei ihrer Behauptung, der Vorwurf des Totalitarismus gegen den Bolschewismus und die Sowjetunion diene nur dazu, durch den Vergleich mit dem Nazismus letzteren zu entlasten und zu verharmlosen, vergessen viele Linke, daß es historisch eher umgekehrt war: Libertäre Linke, die den Bolschewismus von vornherein als totalitär kritisiert hatten, erkannten am Nazismus, als er vielen bürgerlichen Beobachtern auch im Ausland noch als etwas fanatische, aber unvermeidliche Form der nationalen Erneuerung erschien, die gleichen totalitären Züge, die sie schon immer an der bolschewistischen Sowjetunion kritisiert hatten.
Bekanntlich bezogen sich die Bolschewiki, allen voran Lenin selbst, positiv auf die Jakobiner der französischen Revolution. Eben dieses Jakobinertum glaubte Denis de Rougemont nun auch im Nazismus zu erkennen: "Ein totalitäres Regime drückt weniger die kollektive Seele eines Volkes aus, als dessen Bedürfnis, den eigenen Mängeln abzuhelfen und sie zu kompensieren. Hitler ist dabei, das deutsche Volk zu dressieren (so wie Stalin das russische Volk dressiert), es handelt sich um eine Dressur, deren Ziel nichts Traditionelles an sich hat, ganz im Gegenteil. Alle Anstrengungen der Propaganda, ein wie auch immer geartetes hypothetisches und prähistorisches Germanentum wiederzuerrichten, zielen - mehr oder minder bewußt - darauf ab, den antideutschen Charakter der in Wahrheit angewandten Methoden zu verschleiern. Preußische Methoden, sagen die Süddeutschen, slawische Methoden, knurren die Preußen. Meiner Ansicht nach sind es jakobinische Methoden. Denn es handelt sich nicht darum, diesem starren Bürgertum einen Gruppensinn einzuhämmern, den es bereits hatte, sondern einen Sinn für den Staat, den es nicht hat. Den Sinn für die deutsche Einheit, für die Vorrangstellung der deutschen Interessen über die Klasseninteressen und über jedes Privatinteresse. Das ist die große Revolution in einem Land, in dem Innerlichkeit einerseits und Klassentrennung andererseits die wahren Grundlagen der Sitten darstellen."
Aus Frankreich kommend stachen, Denis de Rougemont vor allem revolutionäre, ja "linke" Aspekte des Nazi-Regimes ins Auge. Es stehe "wesentlich weiter links als man in Frankreich glaubt, und etwas weniger links als das deutsche Bürgertum glaubt." Die Frage sei allerdings höchst irreal, sobald man die Ebene der Polemik verlasse. Eine deutsche Bürgerin hört er klagen, daß es "in diesem System kein Familienleben mehr" gebe: "Die Partei steht über allem. (...) Für unsere Kinder sind wir Zivilisten. Sie aber fühlen sich als Militärs." Denis de Rougemont resümiert: "Für einen Heranwachsenden ist Freiheit all das, was nicht mit der Familie zusammenhängt, und sei es auch die härteste Disziplin, Hauptsache, es hat nichts mit Zuhause zu tun." Er werde nicht mehr sagen, daß der "Faschismus" den Unternehmungsgeist töte. "Das Gegenteil ist der Fall. Vergleichen Sie die junge Führerin mit einem gleichaltrigen Mädchen bei uns! Aber die geforderte Unternehmungslust dient dem Staat und ist von ihm geplant; es ist die Unternehmungslust, die die moderne Taktik vom Soldaten im Gelände fordert. Zwang wäre wenig. Aber sich der Freiheit der jungen Leute zu bemächtigen - das ist Totalitarismus."
Denis de Rougemont beobachtet den Totalitarismus im Aufbruch, nicht von den Leichenbergen her, die er geschaffen hat. Aber eben deshalb tragen seine Beobachtungen dazu bei, zu verstehen, warum und wie Verbrechen auf Verbrechen gehäuft werden konnten, ohne durch einen zumindest passiven Widerstand in der Bevölkerung gebremst zu werden.
Sich der Freiheit der jungen Leute bemächtigen - das ist Totalitarismus. Wer auch nur ein bißchen die russische Revolutionsliteratur kennt, wird keinen Grund sehen, diesen Satz nicht auch für die Sowjetunion gelten zu lassen. Der nachträgliche Vergleich der Verbrechen unterschiedlicher Totalitarismen ist vielleicht weniger einleuchtend, als es der Vergleich der anfänglichen Vereinnahmung von jugendlichen Emanzipationsbedürfnissen und Aufstiegsbestrebungen sein könnte, die den totalitären Durchmarsch ohne "Rücksicht auf Verluste" an Menschenleben und Werten überhaupt erst ermöglichte.
In jedem Fall sind Krieg und Niederlage die Grundlage der Bewegung und ihrer Eroberung der Macht. Der Status quo ist als Staatsräson inakzeptabel. Die Rückkehr zu den gesellschaftlichen Vorkriegsverhältnissen ist versperrt und von der Jugend auch nicht erwünscht. Die politische Reaktion auf den Positionsverlust im Staatensystem und der gesellschaftliche Aufbruch zu neuen Ufern werden durch die Bewegungspartei kurzgeschlossen. Dieser Kurzschluß heißt für Denis de Rougemont Totalitarismus. Es ist wichtig, ihn zu erkennen, bevor mit den Leichenbergen auch jede Erkenntnismöglichkeit erstickt wird. Eben deshalb sind Denis de Rougemonts Beobachtungen so wertvoll, auch wenn sie vielleicht nicht einfach "richtig" sind.
Denis de Rougemont, Journal aus Deutschland 1935-1936. Mit einem Nachwort von Jürg Altwegg. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel, Wien (Paul Zsolnay Verlag) 1998 (165 S., 29,80 DM)