Sich Sysyphos glücklich vorstellen

Zum 85. Geburtstag von Albert Camus

Hartwig Berger

Am 11. November wäre er 85 Jahre alt geworden, Albert Camus, Schriftsteller, Journalist, Theatermacher, nicht zuletzt: Philosoph. Sein Roman Die Pest, Stücke wie Die Gerechten und philosophische Abhandlungen wie Der Mythos von Sisyphos und Der Mensch in der Revolte haben eine ganze Generation europäischer Intellektueller geprägt. Nicht Europa, sondern das nördliche Afrika ist seine Geburtsstätte. Während der Vater in der Marneschlacht 1914 sinnlos verblutete, wuchs das Kind in Algier auf. Seine posthum erschienene Biographie Der erste Mensch schildert eindringlich, wie sein Kindheitsmilieu durch multikulturelle Vielfalt und koloniale Unterdrückung geprägt war, eine widersprüchliche Vermengung, an der die algerische Gesellschaft bis heute scheitert und leidet.

Armut - seine Mutter war Analphabetin - und die Sonne des Mittelmeers haben den intellektuellen Stil Albert Camus' geprägt. Seine Sprache ist von blendender Klarheit, ohne ausschweifenden Dekor, immer beschränkt auf knappe, wesentliche Aussagen. In seiner geistigen Orientierung war Camus vor allem ein Mediterraner. Wenn er konnte, flüchtete er aus Paris, seinem späteren Wohn- und Arbeitssitz, in die lichtvolle Stadt Lourmarin am Rand der provenzalischen Berge. "Mittelmeerisch Denken" - das hat er selbst als Klarheit und Helligkeit des Geistes sowie als eine unbändige Freiheitsliebe definiert.

Auch wenn ihn der Existentialismus mittel- und nordeuropäischer Prägung stark beeinflußte, blieben ihm die Traditionen besonders der deutschen Philosophie zeitlebens suspekt. Zu entschieden hat er in der Résistance gegen die Naziherrschaft gekämpft. Zu sehr hat ihn der Juniaufstand der Berliner Arbeiter 1953 und der ungarische Volksaufstand 1956 sensibel gemacht für totalitäre Tendenzen, die er allen Theorien mit einem umfassenden Anspruch auf gesellschaftliche Transformation unterstellte.

Gegen Machtphantasien im Marxismus setzte er auf das "revoltierende Denken", politisch auf die Freiheitsliebe des Anarchosyndikalismus, zu dem er zeit seines Lebens Verbindung suchte. Die Option einer antiautoritären Selbstbeschränkung führte zu seinem berühmten Zerwürfnis mit Sartre, das als öffenliche Kontroverse in der Zeitschrift Les Temps Modernes ausgefochten wurde. Sartre warf Camus einen inkonsequenten Humanismus vor, weil er sich der engagierten Parteinahme für die marxistische Linke verweigere. Camus konterte mit Verbrechen und der Unterdrückung in staatssozialistischen Ländern und hielt Sartre vor, auf dem linken Auge blind zu sein. Der Gang der Geschichte hat diese Kontroverse in niederschmetternder Eindeutigkeit entschieden.

Wenige Schriften haben das Lebensgefühl westeuropäischer Intellektueller der 50er und 60er Jahre so geprägt wie Der Mythos von Sisyphos (erschienen 1943) und Der Mensch in der Revolte (erschienen 1952). Das gilt auch für das westliche Deutschland. Die Übersetzung des Sisyphos erschien als Rowohlt-Taschenbuch 1959 und war in Halbjahresabständen regelmäßig vergriffen. Die Wirkung Camus' auf die politische Kultur war in Frankreich und Westdeutschland aber verschieden. Dort rechtfertigte sie distanziertes Engagement zur Politik, eine Hinwendung auf Abstand, hier eine engagierte Distanz, eine zornige Nichteinmischung in die Bonner Republik der Adenauer-Ära.

In der deutschen Studentenbewegung 1967/68, wie im französischen Mai 1968, ist diese Haltung einer entschiedenen Einmischung gewichen, die in manchem der existentiellen Revolte gleicht, die Camus in seinem zweiten philosophischen Buch beschreibt. Die Liebe zu Freiheit und Gerechtigkeit zeichnet den Geist der Menschlichkeit aus. Da aber das gesellschaftliche Leben von Knechtschaft und Unterdrückung, von Lüge und Verschweigen bestimmt ist, müssen wir - um Menschen zu werden - revoltieren. In der Revolte zerreißen wir die Ketten unserer gesellschaftlichen und geistigen Versklavung. "Die Freiheit, die der Revoltierende fordert, fordert er für alle. Er ist nicht nur Sklave gegen den Herrn, sondern auch Mensch gegen die Welt von Herrn und Knecht".1

Trotz ihrer deutlich existentialistischen Züge hat die 68er Bewegung das Lebensgefühl verdrängt, das sich in Camus' Schriften findet. Das hat viele Gründe, wie die Hinwendung der jungen Rebellen zur marxistischen Tradition, ihre Hoffnung, das innere Band zu finden, das die Gesellschaft zusammenhält - und an dem sie zerrissen werden kann. Genau diesen Anspruch verwirft Camus jedoch als den gefährlichen Wendepunkt der Revolte, als einen hybriden Anspruch, an dem sie in Gewalttätigkeit und in die Vorbereitung neuer Unterdrückung umschlagen kann.

Gnadenlos kanzelte er den "unglaublichen Ehrgeiz" und die "maßlosen Voraussagen" des Marxismus ab.2 Ihr globaler Entwurf einer gerechten Gesellschaft ersetze "Gott durch die Zukunft",3 ihre Revolutionstheorien transponierten die religiöse Erlöserfigur eines Christus in maßlose Erwartungen an das moderne Industrieproletariat. Ein "logisches Monstrum"4 seien die anspruchsvollen Theorien materialistischer Welterklärung von Engels bis Bucharin.

Kern dieser harschen Kritik ist die Überzeugung, daß revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft, eine Sozialtechnik mit umfassenden Ansprüchen, zu neuer Unterdrückung führt. Staatlichkeit und Herrschaft sind zwei unterschiedliche Seiten derselben Medaille, eine neu organisierte Staatlichkeit begründet daher neue Gehäuse der Hörigkeit und der Unfreiheit.

Selbstbeschränkung in der Revolte - das kam bei den AktivistInnen der 68er Zeit nicht sonderlich gut an. Daß die Schriften von Camus aus dem politischen Diskurs jener Zeit verschwanden, überrascht daher nicht. Und doch hätten die rebellischen Herausforderer des Bestehenden aus dem "Mythos des Sisyphos" lernen können. Sie konnten lernen, daß dem Überschwang engagierter Einmischung zwar die bittere Erfahrung der Niederlage folgt, Katzenjammer, Verzweiflung und Resignation aber genau die falsche Reaktion darauf sind.

Dem griechischen Heroen Sisyphos haben die Götter als nicht endende Strafe "eine unnütze und aussichtslose Arbeit"5 auferlegt. Er muß einen gewaltigen Steinberg aufwälzen, der kurz vor Erreichen des Gipfels regelmäßig in den Abgrund rollt. "Heutzutage arbeitet der Werktätige sein Leben lang unter gleichen Bedingungen, und sein Zustand ist genauso absurd."6 Neben den Entfremdungen der Arbeitsgesellschaft legt der Mythos des Sisyphos eine existentielle Grundbefindlichkeit dar. Camus nennt sie die Erfahrung der Absurdität unseres Daseins.

Die Absurdität liegt in einem ständigen und unaufhebbaren Widerspruch: Wir verlangen nach Sinnstiftungen und wissen doch, daß unser Leben durch Ereignisse bestimmt - und beendet - wird, in denen kein Sinn zu entdecken ist. Wir suchen nach Klarheit, nach Erklärungen in dieser Welt und müssen doch hinnehmen, daß die Dinge fremd und unbegreiflich bleiben:

"Wenn ich Baum unter den Bäumen wäre, Katze unter den Tieren, dann hätte dieses Leben einen Sinn oder vielmehr: Dieses Problem bestünde überhaupt nicht, denn dann wäre ich ein Teil dieser Welt. Ich wäre diese Welt, zu der ich mich jetzt mit meinem ganzen Bewußtsein und mit meinem ganzen Anspruch auf Vertrautheit im Gegensatz befinde. Eben diese so höhnische Vernunft setzt mich in Widerspruch zur ganzen Schöpfung."7 Selbst unser Ich können wir nicht fassen: "Wenn ich es zu definieren und zusammenfassend zu bestimmen versuche, dann zerrinnt es mir wie Wasser zwischen den Fingern."8

Die Niederlage der Revolte ist vorprogrammiert. Der Versuch, eine gerechte und freie Gesellschaft zu schaffen, scheitert mit der Regelmäßigkeit des wieder herabrollenden Steines, und so wird es auch in Zukunft sein. In dieser fremdbleibenden Welt können wir kein gesellschaftliches Eldorado einrichten, kennen wir doch selbst den Menschen und die Abgründe seines Verhaltens kaum.

Dennoch dürfen wir den Versuch, eine bessere Welt zu schaffen, nicht aufgeben. Wir erlangen dadurch unsere Freiheit, daß wir weitermachen, im vollen Bewußtsein der Absurdität, der Chancenlosigkeit. Wie der Held in "die Pest", der Arzt Rieux, der entschieden und nüchtern der mörderischen Seuche entgegentritt. Und der, als die Bewohner der Stadt Oran das Ende der Seuche feiern, abseits bleibt. Denn er weiß, daß die Pest die Menschen immer aufs neue heimsucht, in welcher Art, in welcher Form auch immer.

Camus' Tod war an Absurdität schwer zu überbieten. Als Beifahrer eines vollbesetzten Pkw verendete er, mit seinem Freund und Verleger Gallimard, am 4. Januar 1960 an irgendeinem Straßenbaum, in irgendeinem Dorf bei Paris. Ohne erkennbaren Grund kam der Wagen von der Fahrbahn ab.

Vierzig Jahre nach seinem Tod im winterlichen Nordfrankreich, 85 Jahre nach seiner Geburt im lichtdurchfluteten Maghreb, bleibt als Camus' Vermächtnis: Der Aufruf zum Widerstand, zum Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit, im vollen Bewußtsein, daß der Stein immer wieder abwärts rollt. In diesem Kampf findet der Mensch seine Bestätigung. "Glück und Absurdität entstammen ein- und derselben Erde."9 Daher, so schließt Camus seine unvergessene Abhandlung, müssen wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.

1 Albert Camus, Der Mensch in der Revolte, Hamburg 1969, S. 230.

2 Ebenda, S. 169.

3 Ebenda, S. 169.

4 Ebenda, , S. 161.

5 Albert Camus, Der Mythos von Sisyphos, Hamburg 1959, S. 98.

6 Ebenda, S. 99.

7 Ebenda, S. 47.

8 Ebenda, S. 21.

9 Ebenda, S. 100.