Freundliche Distanz

Zum Briefwechsel zwischen Francois Furet und Ernst Nolte

Gerd Koenen

Den Anstoß zu diesem Briefwechsel hatte eine Ernst Nolte gewidmete, ausführliche Anmerkung in François Furets letztem großen Buch Das Ende der Illusion geliefert, worin dieser dem verfemten Berliner Geschichtsdenker das Verdienst zuschrieb, "bereits sehr früh das Verbot eines Vergleichs von Kommunismus und Nazismus durchbrochen zu haben". Nolte nahm dies dankbar als einen Akt der Rehabilitierung auf. Und tatsächlich bestätigte Furet ihm im ersten Brief bereitwillig, daß die lange Fußnote ein bewußter Versuch gewesen sei, Noltes Exkommunikation zu durchbrechen.

Jenseits der Exkommunikation beginnen allerdings erst die Schwierigkeiten einer wirklichen Kommunikation. So war die zitierte Würdigung Furets eigentlich nur in einem französischen oder italienischen Kontext zu begreifen. Denn erst mit Solschenizyn, also im Laufe der siebziger Jahre, habe "das Konzept des Totalitarismus sein Bürgerrecht in Paris" erworben, wie Furet schreibt. Bis dahin sei es verpönt gewesen. Aus deutscher oder amerikanischer Sicht nimmt sich das beinahe umgekehrt aus. Hier hatte der Begriff des "Totalitarismus", der ja von diesem Vergleich lebt, in den fünfziger und sechziger Jahren eine dominante Rolle gespielt und war erst nach 1968 mit der "Neuen Linken" und im Zuge der Entspannungspolitik in Verruf geraten. Und Ernst Nolte war damals gerade derjenige gewesen, der, wie er selbst rekapituliert, unter dem Applaus der Linken den Gattungsbegriff des "Faschismus" - der zuvor fast als kommunistischer Kampfbegriff galt - wissenschaftlich rehabilitiert hatte. In seinem Buch Der Faschismus in seiner Epoche (1963) hatte er eine von Charles Maurras über Benito Mussolini auf Adolf Hitler reichende Kontinuität antimarxistischer und gegenrevolutionärer Bewegungen umschrieben, die im "Radikalfaschismus" der Nazis lediglich ihre äußerste Zuspitzung erfahren habe. Kommunismus und Faschismus waren in Noltes Darstellung beide Produkte der Krise des bürgerlich-liberalen Systems. Aber der Marxismus war die ältere, authentischere, tiefer verwurzelte Bewegung, der der Faschismus als eine reine Reaktion gegenüberstand. Mit dieser Deutung habe er, sagt Nolte, "der marxistischen Auslegung ein gutes Stück näher" gestanden als der "klassischen Totalitarismustheorie". Und er könne sich über seine linken Gegner oft nur wundern - denn was hätten die Marxisten jemals anderes behauptet, "als daß die Faschismen verzweifelte und zum Scheitern verurteilte Reaktionen der Bourgeoisie gegen das siegreiche Vordringen der proletarischen und sozialistischen Bewegung gewesen seien".

Das ist wahr. Ernst Nolte hat sein Schema nie geändert, nur seine Bewertungen - so, wenn er listig anfügt, natürlich impliziere die Nähe zur marxistischen "zugleich eine gewisse Nähe zu der faschistischen Deutung", die von der marxistischen ja innerlich abhängig sei. Und da Furet in seinem Buch die "kommunistische Idee" als die stärkste ideologische Realität des Jahrhunderts bezeichnet habe, so könnten wohl auch "die militanten Reaktionen, die dadurch erzeugt wurden, nicht jenseits aller Verstehbarkeit und vollständig ohne ein historisches Recht gewesen sein". Mehr noch: "... wenn irgend jemand sich wirklich vornahm, dem Bolschewismus ein Regime ,von gleicher Entschlossenheit und Konsequenz` entgegenzusetzen, dann mußte es auch eine Analogie zu der so unübersehbaren, von der Ideologie so eindeutig geforderten ,Klassenvernichtung` geben, und deren Hauptobjekt konnte schwerlich eine andere Gruppe als die Juden sein" ... Es sind Kurzschlüsse dieser Art, die einen ganz eigentümlichen Schwindel beim Leser erzeugen. Eben war man noch bei Marx, und schon ist man in Auschwitz.

Furet wehrt sich gegen die allzu drängenden Einvernahmen ebenso freundlich wie bestimmt. Noltes Interpretation der faschistischen Bewegungen als pure antimarxistische Gegenrevolution, betont er mehrfach, verhülle doch gerade das Endogene und Besondere daran. "Er (der Faschismus, G. K.) läßt sich nicht mehr als Re-aktion (als Weg zurück) auf eine Revolution definieren. Er ist selbst die Revolution." Und was speziell den Nationalsozialismus betreffe, so seien dessen Wurzeln wohl viel "älter und spezifischer deutsch" gewesen als die bloße Feindschaft gegen den Bolschewismus. Es habe sich ganz wesentlich auch um eine tiefverwurzelte Feindschaft gegen den Westen, den bourgeoisen Kapitalismus und Liberalismus gehandelt. Und dafür habe das Datum 1914 wahrscheinlich eine größere Rolle gespielt als das Datum 1917. Wenn Nolte mit seiner Konstruktion eines "kausalen Nexus" dem Nationalsozialismus im Verhältnis zum Bolschewismus lediglich Sekundärcharakter zubilligen wolle - müsse man darin nicht "einen Versuch sehen, die eine Seite zu entschuldigen und die andere zu belasten"?

Dieselbe vornehme Contenance bewahrt Furet gegenüber Noltes bohrenden Versuchen, dem exterministischen Antisemitismus der Nationalsozialisten einen "rationalen Kern" zuzuschreiben. Daß Nolte in seinem Buch Der europäische Bürgerkrieg die Juden zu organisierten Gegnern Hitlers erklärt und geradezu eine Kriegserklärung des internationalen Judentums an das Dritte Reich (zumindest in der Vorstellung Hitlers) unterstellt habe, hatte Furet bereits in seiner langen Anmerkung "schockierend und falsch" genannt. Die von Nolte nun nachgelieferten Erklärungen sind kaum überzeugender: Da ist vom "jüdischen Messianismus" die Rede beziehungsweise von der Vorstellung, die Hitler sich davon machte (fast, als wäre es dasselbe). Oder es wird der relativ hohe Anteil von jüdischen Revolutionären unter den bolschewistischen Oktoberrevolutionären genannt - als seien diese nicht prädestinierte Opfer der Stalinschen Säuberungen gewesen, was Hitler sehr genau registrierte. Furet besteht darauf, daß es sich jedenfalls um krasse Irrationalismen gehandelt habe, zumal die Juden in der Weltanschauung der Nazis keineswegs nur den Bolschewismus, sondern gleichzeitig auch den "vaterlandslosen" Kapitalismus repräsentierten. Und daß Hitler für die Ermordung der Juden des Präzedenzfalles der Liquidierung der Kulaken durch Stalin bedurft habe, sei noch weniger ersichtlich oder schlüssig.

Kurzum, Furet läßt von den zwei, drei Kernargumenten, an denen das gesamte Noltesche Geschichtsschema des 20. Jahrhunderts hängt, wenig übrig. Und er enthüllt, fast en passant, etwas sehr Wesentliches. Noltes Erklärung, kein deutscher Nationalist zu sein, will er gerne glauben, stellt aber fest, "daß all Ihren Lesern in Ihren Büchern der eigentümliche Schmerz eines deutschen Staatsbürgers aufgefallen ist, der unter der Tragödie seines Volkes und den beispiellosen Vorwürfen, die sein Land infolge der Naziverbrechen trafen, leidet". In denkbar verständnisvoller Weise spricht Furet damit die offenkundig apologetische Funktion der Konstruktionen Noltes an. Er verurteilt sie gar nicht einmal, sondern lenkt nur den Blick darauf, daß dessen obsessionelle Bemühungen, für die singulären Verbrechen des Nationalsozialismus eine "rationale" Erklärung zu finden, in diesem Begehren, "nicht schuld zu sein", ihre Wurzel haben. Noltes stete (und berechtigte) Klage, daß "in Deutschland alles Nachdenken über das 20. Jahrhundert in einen engen Raum" eingeschlossen bleibe, weil es fast völlig vom Nationalsozialismus absorbiert sei, trifft gerade auf ihn selbst zu. Ob er über den Faschismus, den Marxismus, den Liberalismus oder den Kalten Krieg schreibt, das Gravitationszentrum aller seiner Gedanken ist stets der Zivilisationsbruch in der deutschen Geschichte, ist Hitler.

Manche Passagen seiner Briefe an Furet lassen vermuten, daß sich der Horizont von Noltes Geschichtsdenken noch weiter schließt. Mit peinlicher Ausführlichkeit besteht er darauf, die Behauptungen der sogenannten "Revisionisten" im Detail zu prüfen, die wegen der ursprünglich überhöhten Zahlen der jüdischen Auschwitz-Opfer (die die Forschung längst korrigiert hat) und einiger "technischer" Unstimmigkeiten der überlieferten Augenzeugenberichte den Holocaust überhaupt negieren möchten. Warum ihm "die Frage des Revisionismus seit einigen Jahren so wichtig geworden ist", wird daraus keineswegs deutlich. Daß er selbst "ein vitales Interesse" daran haben müsse, die radikalen Auschwitzleugner widerlegt zu sehen, ist glaubhaft. Aber Tatsache ist eben auch, daß Ernst Nolte im Gefühl der eigenen Verfolgtheit sich auf eine schiefe Ebene von Solidarisierungen begeben hat, von denen nicht klar ist, wo sie noch enden werden.

Denn von der Strafbarkeit der Auschwitz-Lüge führt in seinen Augen ein direkter Weg zur Forderung, die von mehreren deutschen Autoren zuletzt wieder aufgewärmte "Präventivkriegsthese" (wonach Hitler im Juni 1941 Stalin nur knapp zuvorgekommen sei) ebenfalls unter Strafe zu stellen. Und dann könne es "nicht mehr lange dauern, bis diejenigen Historiker, die dem Kommunismus einen wesentlichen Anteil an der Entstehung des Faschismus zuweisen, sich als Angeklagte vor Gericht verantworten müssen". Sich selbst also sieht er schon fast unter Anklage gestellt, da im wiedervereinigten Deutschland "einflußreiche Kräfte" dabei seien, "nicht nur zentrale Teile des Geschichtsbilds der untergegangenen DDR mit einigen Modifikationen zu übernehmen, sondern ansatzweise auch die Methoden anzuwenden, die zu dessen Durchsetzung gebraucht wurden".

Man reibt sich die Augen. Und ist noch lange nicht am Ende aller Düsternisse. Denn Noltes zeitgenössische Kulturdiagnose faßt sich in einem Bedrohungsszenario zusammen, das selbst schon an gewisse Ideologeme jenes Zeitalters erinnert, die eben noch Gegenstand der Auseinandersetzung waren. Nolte sieht die "konkrete Gefahr" vor sich, "daß der völlig entfesselte und die ganze Welt durchherrschende ,Kapitalismus` das geistige Vakuum, das er nach sich zieht, von einem ,Antifaschismus` ausfüllen läßt, der die Geschichte ebenso amputiert und simplifiziert, wie das ökonomische System die Welt uniformiert". Demnach wären Kapitalismus und Kommunismus (der als "Antifaschismus" fortlebt) gemeinsam dabei, die Welt einzuplanieren und die Geschichte zu vernichten.

Wer dieser schwärzesten aller Visionen vom "Ende der Geschichte" nähertreten will, muß sich dann schon mit Noltes nächstem, mittlerweile erschienenen Buch (Historische Existenz) befassen, worin der Nationalsozialismus offenbar bereits die Würde einer letzten, vergeblichen Widerstandsbewegung gegen die triumphierenden Kräfte der Gleichmacherei und der Abstraktion gewinnt. Der Kreis schließt sich.

François Furet / Ernst Nolte, Feindliche Nähe. Kommunismus und Faschismus im 20. Jahrhundert. Briefwechsel, München (Herbig Verlag) 1998 (124 S., 29,90 DM)