Während die Debatten um Martin Walsers Paulskirchenvortrag und um das Holocaust-Mahnmahl die Seiten füllen, findet ein anderes Mitglied der ehemaligen Gruppe 47 weniger Aufmerksamkeit. Carl Amerys Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zielt nicht auf Gedenkkultur und Erinnerungsarbeit, sondern auf dessen befürchtete politische Aktualität. Die gewünschte öffentliche Diskussion hat sein Buch Hitler als Vorläufer mit dem gewollt provozierenden Untertitel: Auschwitz - der Beginn des 21. Jahrhunderts? indes nicht erreicht.
Manche der intellektuellen Schwellen, die bei der Auseinandersetzung mit seinen Thesen zu überwinden sind, errichtet Amery selbst. So ist die Debatte über die deutsche Vergangenheit durch fragwürdige Vergleiche jahrelang eher gehemmt als gefördert worden, und fast immer standen sie in der Gefahr der Relativierung oder gar Verharmlosung. Wenn von "Selektion" die Rede ist, die die "transnationale Finanzmacht" praktiziere, "wenn es um die Verlängerung von Krediten, die Umschuldung der Ärmsten ... geht", dann meint man im Hintergrund nicht nur jenen altlinken Schlichtreim zu hören, nach dem Kapitalismus zum Faschismus führt und deshalb weg muß, auch der qualitative Unterschied zwischen dem Aufbau und dem Betreiben eines industriellen Mordsystems auf der einen und dem Wegschauen einer vielleicht handlungsfähigen, aber nicht handlungswilligen Weltgesellschaft beim Hungertod von Millionen wird durch die Verwendung des Begriffs "Selektion" polemisch verstellt. Und so schwer es ist, der Beschreibung der Folgen struktureller Gewalt zu widersprechen, die die globale Verteilung fast aller Lebenschancen eben nicht an die gleiche und freie Geburt und eigene Leistung knüpft, wie es das bürgerliche Versprechen war, sondern an den Zufall, in Europa oder Afrika geboren zu sein, schwarz oder weiß, mit dieser oder einer anderen Nationaliät, so sehr sind solche Gedanken aus der Mode gekommen. Schließlich ist auch die Verbindung von historischer Analyse (die mehr als drei Viertel des Textes ausmacht) und aktueller ökologischer und sozialer Krisenproblematik in der deutschen Diskussion über Umweltprobleme einfach nicht anschlußfähig.
Für Carl Amery ist Hitlers Expansion nach Osten die sozialdarwinistische Antwort auf die durch eine imaginierte "ökologische Krise" - Mangel an ausreichendem Boden und Rohstoffen für die Deutschen - verursachte Weltkriegsniederlage und die anschließenden wirtschaftlichen Katastrophen der deutschen Gesellschaft. Seine Lektüre von Mein Kampf läßt ihn ein Handlungsmuster destillieren, dessen sich nach seiner Meinung künftige Nachfolger bedienen könnten: Abkehr von humanen Zielen wie Freiheit, Gleichheit und dem Schutz des Schwächeren und statt dessen ein "Bekenntnis zur Geschichte als Naturgeschichte" im Sinne des Sozialdarwinismus, der "Festellung, daß es nicht für alle reicht" und der "Übernahme der Verantwortung dafür, wer wie an den knapper werdenden Ressourcen des Planeten und damit an der Zukunft der Menschheit beteiligt werden kann und soll". Daß sich eine der Großmächte abermals zur "planetarischen Aggression" entschließt, sich selbst zur Herrenrasse und jene 80 Prozent der Weltbevölkerung, die für die erwünschte globale Produktion nicht mehr gebraucht werden, zu "Wohlstandsmüll" erklärt, ist dabei nur eine von mehreren Möglicheiten. Auch andere machtvolle Gruppen der Weltgesellschaft könnten sich auf ein derartiges "Planet Management" einigen. Sie könnten das sogar mit einer "biosphärischen Verantwortung" verbrämen, und was die technischen Verfahren angeht, hätten sie von der modernen Informationstechnologie über genetische Manipulation bis hin zu ökonomischen Instrumenten völlig neue Möglichkeiten, so daß "die grobkörnigen Methoden der Shoa ... sich erübrigen und höchstens im äußersten Notfall angewendet" werden müßten.
Amery fehlt jedes Vertrauen in den zivilisatorischen Fortschritt und die demokratische Gesinnung der modernen Eliten. Schon heute zeigt die Weltgesellschaft für ihn offen sozialdarwinistische Züge. Wenn es erst "um Reis, Wasserstellen und Kartoffeln geht, wenn aus den Lügengeweben der "virtual reality" die Grundmuster menschlichen Ringens um einen Platz in der Biosphäre hervortreten", werde von den humanen Grundlagen weniger zu spüren sein als vor einigen Jahrzehnten, das heißt vor der Zerstörung aller traditionalen und religiösen Verankerungen der sozialen Gruppen und der Individuen. "So leben wir im kurzlebigsten, aber zerstörerischsten System menschlichen Zusammenlebens mit der Biosphäre, das je entworfen wurde, eine Titanic in voller Fahrt. In zunehmender Geschwindigkeit trägt es uns vor die Eiswand, auf der die Frage des Philosophen Hans Jonas geschrieben steht: Müssen wir Unmenschen werden, um die Menschheit zu retten?"
Wir müssen es nicht, wenn wir "eine neue, durch Wissen und Demut geläuterte Solidarität mit der Biosphäre, der Lebenswelt" finden, einen "neuen Kulturentwurf" hervorbringen. Als Gegenmittel erscheint das merkwürdig schwach, mehr eine Andeutung als ein Gewicht, das auf die andere Seite der Waagschale gelegt werden könnte.
Carl Amery beruft sich auf die traumatische Erinnerung an Auschwitz, um der Umwelt- und Entwicklungspolitik neues Gewicht zu geben. Er weiß, vor allem in den historischen Teilen, wirksam und schlüssig zu argumentieren, und viele seiner Bilder sind in den Subtexten der Berichte aus aller Welt ebenso erkennbar wie in den Alltagsängsten und Aggressionen der Bevölkerung in den reichen Ländern. Denn auch wenn es Bürgerkriege und Hungerkatastrophen immer gegeben hat, macht die Existenz einer potentiell wirksam handelnden Weltgesellschaft einen qualitativen Unterschied: Zwischen einem Tod, den die Vorsehung schickt, und demjenigen, der durch die Entscheidung anderer Menschen verursacht wird, nicht rettend einzugreifen. Das gilt auch heute schon, ohne globale Krisensituation. Nicht nur aus der Sicht der Dritt-Welt-Länder liegt es nahe, da einen mehr oder weniger gezielten Sozialdarwinismus am Werk zu sehen.
"Die schwarze Mutter, die mit ihrem verhungernden
Baby durch die ausgebrannte Steppe stolpert, hat auf jeden Fall
ein korrekteres Bild von der Wirklichkeit als, sagen wir, Herr
Schrempp im Stuttgarter Chefbüro von Daimler-Chrysler",
heißt es bei Amery. Was immer mit dem Wort "korrekt"
gemeint sein mag - wenn es der Bundesregierung in den kommenden
vier Jahren gelänge, dieser Sicht den ihr zustehenden öffentlichen
Raum zu geben, und wenn schon nicht eine ganz neue Kultur, dann
doch einige Chancen zum Engagement zu bieten, wäre viel geschehen.
Carl Amery, Hitler als Vorläufer. Auschwitz - der Beginn des 21. Jahrhunderts, München (Luchterhand Literaturverlag) 1998 (191 S., 29,80 DM)