Sport und Körper

So wertvoll wie ein kleiner Krieg

Thomas Gehrmann

Sport & Körper:

So wertvoll wie ein kleiner Krieg

Thomas Gehrmann

"Als (1982) die Falklands zu einem Hot spot wurden, geriet auch Amerika in sexuelle Erregung. Unsere Zeitungen brachten die Fotos von den englischen Frauen, die ,unter stürmischem Beifall ihre Blusen und BHs ausgezogen hatten` und sie den Soldaten auf den Schiffen zuwarfen unter der Schlagzeile ,Falklands - Alles oder nichts`."
Lloyd deMause, Reagan's Amerika

In der taz vom 10.11. hieß es in einem Porträt des Chinesen Chen Yang, der bei Eintracht Frankfurt Fußball spielt: "Wenn er sich doch einmal äußert, treiben die Klischees muntere Blüten: ,Jedes Spiel ist so wichtig wie ein Krieg`, soll er nach dem Remis in Gladbach gesagt haben. Den Militarismus-Vorwurf sollte man jedoch nicht vorschnell an ihn richten. In einer Kultur, in der Fußballer nicht Ronaldo oder Matthäus, sondern ,Pappel in der frischen Morgendämmerung`, so die wörtliche Übersetzung seines Namens, heißen, mögen solche Aussagen anders zu gewichten sein."

Auf welche Weise sie anders gewichtet werden könnten, das allerdings enthalten die taz-Autoren Seib und Teichmann dem Publikum vor. Soviel immerhin wird klar, daß die stets parate Keule des Militarismus-Vorwurfs einen, der Ronaldo oder gar Matthäus heißt, unweigerlich getroffen hätte. Hier jedenfalls wird der Leser (mit seiner antizipierten vorschnellen Meinung) milde ermahnt, nicht etwa mit der besagten Keule zum Hieb anzusetzen, sondern andere Gewichtungen zu erwägen.

Der Onkel hat's nicht so gemeint Vielleicht liegt es daran, daß mein Chinesisch weniger als bruchstückhaft ist, wenn ich nicht begreife, wie in nur zwei Silben mitgeteilt werden kann, daß die Morgendämmerung, in welcher die Pappel steht, eine frische ist. Ja, ich muß wohl die Möglichkeit konzedieren, daß der Chinese zwar so etwas wie "Jedes Spiel ist so wichtig wie ein Krieg" gesagt haben mag, aber etwas völlig anderes gemeint haben könnte. Ernsthaft annehmen kann man das aber nur mit viel gutem Willen, den die beiden von der taz offensichtlich haben, während ich vermute, daß Chen es einfach so meint, wie er es gesagt hat.

Er wäre ja nun wirklich nicht der erste, der sportliche Wettkämpfe mit Krieg vergleicht, und eine Ausnahme nur insofern, daß er dafür nicht "vorschnell" verrissen wird. Was zu tun mir übrigens fernliegt, weder vorschnell, noch überhaupt. Ich hätte einfach eine Frage dazu: Wie wichtig ist denn ein Krieg? Warum, unter welchen Umständen, für wen?

Es gibt zwei stereotype Gelegenheiten, bei denen immer wieder ein Vergleich von Sport zu Krieg gezogen wird. Die eine ist der gelegentlich martialische Jargon der Sportberichte, der entsprechend immer wieder mal den schnellen Militarismus-Vorwurf provoziert. So beölte sich Helmut Böttiger in der FR, der "Landsermythos" sei bei den Auftritten unserer Nationalmannschaft bei der Fußball-WM wieder aufgelebt, was er etwa an dem Beispiel festmacht, daß Heribert Faßbender im Fernsehen "ständig vom ,deutschen Sturmführer`" gesprochen habe. Die andere sind Ausschreitungen von Fußball-Hooligans. Dann hört man die Entsetzensrufe, es habe sich um Szenen wie im Krieg gehandelt et cetera. Und es folgen philosophisch anmutende Erwägungen, ob denn der sportliche Wettkampf wirklich in der Lage sei, kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Völkern zu substituieren. Offenbar nicht.

Das Mädchen von Seite 1 Das allzu Offensichtliche soll diesmal aber weniger und vielmehr ein ganz anderer Aspekt interessieren, der ebenfalls zum gesammelten Strandgut der WM rechnet: Die Frau als Trophäe, als der wahre Pokal für den siegreichen Helden.

Am 15.6.98, dem Tag des ersten Spiels der deutschen Mannschaft (gegen die USA), präsentierte Bild ein Seite-1-Mädchen im offiziellen DFB-Mannschaftstrikot mit dem Text: "Für Bertis Jungs zieh ich mich aus. ,Jungs, gebt alles. Dann zeig' ich euch alles!` Die schöne Anina (22) aus Bremen will unsere WM-Mannschaft auf ganz besondere Art anheizen. Sie hat einen megascharfen Striptease versprochen: ,Bei jedem deutschen Sieg lasse ich ein Kleidungsstück fallen.` Also strengt euch an, Jungs."

Am 17.6. wurde das Versprechen soweit eingelöst, daß das Foto auf der Titelseite die nämliche Frau, mit leicht hochgeschobenem Oberteil, von hinten aufgenommen zeigt, dazu den Text: "Hallo, Jungs! Heute gibt's die erste Belohnung für euch. Letzte Seite gucken!" Auf der letzten Seite sieht man die Frau dann von vorne, obenrum nur noch mit einem schwarzen BH bekleidet. Dabei der Text: "Also ranhalten, Jungs. Ab heute drücken wir die Daumen fürs spezielle Ballgefühl." Für die argwöhnischen Rechner, die befürchten, demnächst würden die Turnschuhe aus- oder die Stutzen runtergezogen, verspricht Bild: "Und beim nächsten Sieg? Da zeigt uns Anina, was sie unter ihren Fußballshorts versteckt."

Und was hat sie versteckt? Etwas, was unter Fußball-Shorts nicht hingehört, wie sich am 22.6. zeigte, nämlich schwarze Spitzen-Bermudas: "Obwohl es gestern im Spiel gegen Jugoslawien nur zu einem Unentschieden reichte, legte Anina für die Fans ein weiteres Kleidungsstück ab. Doch das nächste Kleidungsstück fällt nur bei einem Sieg, Also ran, Jungs!" Der nächste Schritt in diesem "megascharfen" Marathon-Strip entbarg als dritte Schicht einen schwarzen Slip. Bis zum Endspiel kam es bekanntlich nicht.

Die Frau als Trophäe In die gleiche Rubrik wie diese Strip-Serie würde ich das Foto aus der Bild-Zeitung von "Frau Klinsi: Die schönste Seite der WM" einordnen, ebenso wie das von Lothar Matthäus, der "nach dem Schlußpfiff gegen den Iran (2:0) zu seiner Lolita" sich neigte und das Mäulchen zum Kuß spitzte, Titel: "Der schönste Lohn für einen Sieger." Und es ist nicht nur Bild - in praktisch jeder Zeitung waren Fotos von jungen Frauen, die sich halb nackt als Fans ihrer Nationalmannschaften präsentierten.

Daß Frauen sich selbst, oder doch ihren Körper, den Helden als Siegerpokal versprechen, ist mehr als nur eine Männerphantasie. Die Beispiele, die ich bei der WM (und auch schon bei früheren Gelegenheiten) gesammelt habe, wirken komisch, sind großenteils auch so präsentiert, daß der Leser schmunzeln kann und wohl auch soll, die Leserin vielleicht weniger. Falls die Beispiele auf den ersten Blick nichts mit Krieg zu tun zu haben scheinen, dann liegt das vielleicht daran, daß dieser scheinbar kleine Randaspekt großer sportlicher Wettkämpfe auch bei der Betrachtung wirklicher Kriege als Nebenaspekt eher vernachlässigt wird. Dort bekommt sie einen ausgesprochen bitteren Geschmack, wie in der eingangs zitierten taz-Ausgabe an anderer Stelle zu lesen ist: "Algerien: Frauen gelten als Kriegsbeute".