Gespenster aus der Vergangenheit

Handschellen für Pinochet

Albert Sterr

Die Verhaftung Pinochets ist für uns die beste Nachricht seit langem", freut sich der Koordinator der "Koalition gegen Straflosigkeit", Esteban Cuya. Unabhängig davon, ob der Ex-Diktator letzlich an Spanien ausgeliefert oder dort gar vor Gericht gestellt werde, was unwahrscheinlich ist, sei die Arrestierung auf jeden Fall ein positiver Schritt. "Wenn bei unserem Europa-Treffen, das vor wenigen Wochen stattgefunden hat, jemand eine derartige Prognose abgegeben hätte, wäre er noch ausgelacht worden. Aber die neue Lage gibt unseren Bemühungen, von Europa aus mit juristischen Mitteln gegen die Menschenrechtsverletzer in Südamerika vorzugehen, eine ungeahnte Bedeutung und Dynamik", sagte der peruanische Menschenrechtler.

Neben Spanien, wo das juristische Prozedere am weitesten fortgeschritten ist und mittlerweile höchstrichterliche Billigung gefunden hat, gibt es in Italien, Frankreich, Deutschland, Schweden, der Schweiz und mittlerweile auch in England vergleichbare Ermittlungen. Sie richten sich gegen chilenische und vor allem gegen argentinische Offiziere. In Zeiten der Militärdiktatur waren sie für etwa 30.000 Tote und Verschwundene in Argentinien und über 3.000 in Chile verantwortlich, darunter auch mehrere hundert Personen mit Pässen europäischer Länder. Vielfach handelte es dabei um Menschen mit doppelter Staatsangehörigkeit. In der Regel waren die Opfer Kinder von Einwanderern aus Spanien, Italien, Deutschland oder Frankreich. In anderen Fällen waren es junge Leute aus Europa, die mit linken Organisationen sympathisierten oder zusammenarbeiteten und aus diesem Grund in die Mühlen der Repression gerieten. Dazu kommen solche, die "irrtümlich" verfolgt wurden oder als Geiseln dienten, um Familienangehörige oder Lebensgefährten, die als Oppositionelle galten, erpressen zu können.

Verfolgung von Europäern Der von den spanischen Untersuchungsrichtern Manuel Garcia Castellón und Baltasar Garzón erwirkte internationale Haftbefehl gegen General Pinochet wird häufig fehlinterpretiert. Er sei ein Versuch, sich in innerchilenische Angelegenheiten einzumischen. Davon sind die spanischen Richter weit entfernt. Sie beanspruchen keinerlei Zuständigkeit für das traurige Schicksal der Staatsbürger Chiles. Ihnen geht es ausschließlich um Spanierinnen und Spanier, genauso wie vor der deutschen Justiz lediglich Fälle präsentiert werden, in denen Menschen mit deutschem Paß zu Tode kamen. Es soll also in Europa nicht gegen die Diktatur an sich ermittelt werden, sondern allein gegen diejenigen Amtspersonen, die Bürgern Spaniens Schaden zufügten und dafür von chilenischen Gerichten nie belangt wurden. Daß zu diesem Zweck auch das Umfeld der Taten ausgeleuchtet werden muß und die daraus entstehende politische Debatte vor allem außerhalb des Gerichtssaales stattfindet, steht auf einem anderen Blatt. Der spanische Haftbefehl, der mir in Kopie vorliegt, fußt auf der Tatsache, daß, so die Richter, gemäß den Befehlen Augusto Pinochets "Staatsangestellte spanische Bürger oder Kinder von Spaniern entführten, folterten, ermordeten oder ,verschwinden ließen`". Die Untersuchungsrichter führen konkret den Fall des katalanischen Priesters Joan Alsina sowie dreizehn weitere Fälle an. Castellón, der für Chile zuständig ist, und Garzón, der die über 600 Fälle getöteter und verschwundener Personen mit spanischem Paß in Argentinien betreut, betreiben das Pinochet-Verfahren gemeinsam. Sie begründen dies nicht politisch, sondern streng juristisch. Sie werfen dem Ex-Diktator vor, für eine Reihe schwerer Straftaten gegen spanische Staatsbürger sowie für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, für Völkermord und Staatsterrorismus verantwortlich zu sein. Das Hauptinstrument dazu sei, so die Richter in ihrer Einlassung, die chilenische Geheimpolizei DINA (Dirección Nacional de Inteligencia de Chile) gewesen. Die Pinochet direkt unterstellte und unmittelbar verantwortliche DINA wiederum sei eine "verbrecherische Organisation" im Sinne der Nürnberger Gesetze. Da sie systematisch folterte, Verbrechen gegen die Menschlichkeit beging, Terrorattentate plante und durchführte und international agierte, seien internationale Konventionen anwendbar, die Spanien und Chile unterschrieben haben, um gegen die Verantwortlichen für die begangenen Verbrechen vorzugehen. Die Art der begangenen Verbrechen schließe auch aus, mit der Immunität des Haupttäters oder, im Falle seiner Untergebenen, mit Befehlsnotstand zu argumentieren.

Die "Operation Cóndor" Eine weitere Besonderheit der DINA ist es auch, welche die enge Verzahnung der Verhaftung Pinochets mit Menschenrechtsverletzungen in Argentinien erklärt: 1975 begannen die Geheimdienste Chiles, Argentiniens, Brasiliens, Uruguays und Paraguays ihre bis dahin informelle Zusammenarbeit zu festigen. Auf Initiative der DINA wurde die "Operation Cóndor" gegründet, ein übernationaler Zusammenschluß der Militärgeheimdienste Südamerikas. Das Ziel war, die "Information über Personen und Organisationen und Aktivitäten zu zentralisieren, die direkt oder indirekt mit der Subversion in Verbindung standen", so der ehemalige DINA-Chef General Contreras in einem Brief an einen paraguayischen General. In der Praxis bedeutete dies, daß chilenische Agenten auch im benachbarten Ausland Flüchtlinge ermorden konnten. Die "Operation Cóndor" bildete multilaterale Agentengruppen, die laut amnesty international "beschatteten, festnahmen, verhafteten, folterten und Oppositonelle ,repatriierten`". Abgesichert über die "Operation Cóndor" verübte die DINA Verbrechen wie die Ermordung General Carlos Prats in Buenos Aires (1974), die Ermordung des Ex-Ministers der Regierung Allende, Orlando Letelier, in Washington (1976) oder das Attentat auf den Christdemokraten Bernardo Leighton in Rom (1975). Die Kommission Rettig, die offizielle Wahrheitskommission Chiles, führte allein für den Zeitraum von 1975-1976 die Fälle von 33 Chilenen an, die von argentinischen und paraguayanischen Agenten festgenommen und an die DINA ausgeliefert wurden und deren Spuren sich seither verloren. Insgesamt kostete die "Operation Cóndor" mehrere hundert Südamerikaner das Leben. Daß diese Geheimdienstinternationale keine Erfindung linker Verschwörungstheoretiker ist, beweisen erstens die richterlichen Ermittlungsergebnisse in den USA, die zur Verurteilung der Mörder von Orlando Letelier führten und zweitens das am 22. Dezember 1992 in Paraguay zufällig entdeckte "Archiv des Schreckens", das Archiv der Geheimpolizei Paraguays. Dort wurden bis 1991, also noch zwei Jahre nach Abtreten des Diktators Stroessner, penibel Akten über Linke Südamerikas geführt. In den Bergen von Dokumenten, die unterdessen von Menschenrechtsorganisationen ausgewertet wurden, fanden sich auch Dossiers, Auslieferungspapiere, Pässe, Beseitigungspläne und Schriftwechsel, die Leute aus ganz Südamerika betrafen. Diese Akten belegen, daß in Südamerika der Staatsterrorismus auf internationaler Ebene betrieben wurde.

Aufarbeitung der Vergangenheit Nicht nur die Untersuchungsrichter, sondern auch die Basis-Gruppen, auf deren hartnäckigen Druck hin die Gerichtsverfahren überhaupt erst eröffnet wurden, argumentieren in der Hauptsache juristisch und arbeiten zu diesem Zweck Einzelfälle so genau wie irgend möglich auf. Sie versuchen auf diese Weise, Steine aus dem Wall von Amnestiegesetzen zu lösen, mit deren Hilfe sich die Militärs ihre Straflosigkeit auch nach Rückkehr in die Kasernen garantieren ließen. Im Gegensatz dazu steht die Argumentation der Täter sowie derjenigen, die sich auf Pakte mit ihnen einließen. Sie versuchen, die juristische Ebene möglichst zu meiden und argumentieren vorwiegend politisch wie die demokratisch gewählte chilenische Regierung, die gegen die Verhaftung des Ex-Diktators protestierte. Die Jusitzministerin Soledad Alvear wies die richterlichen Untersuchungen in Spanien zurück. Chile erkenne die Kompetenz von Tribunalen anderer Länder für Vorfälle in Chile nicht an. Sie fügte hinzu, die Klage in Spanien könne als "politischer Prozeß gegen den Übergang in Chile interpretiert werden". Und um auch den Dümmsten klarzumachen, daß die gegenwärtige Regierung Chiles weiterhin nicht daran denkt, an der Straflosigkeit der Militärs zu rütteln, führt die offizielle Stellungnahme aus, daß der friedliche Charakter des chilenischen Übergangs darauf beruhe, daß "alle Teile der existierenden Gesetzesordnung respektiert werden". In der Tendenz ähnlich kommentierte die Süddeutsche Zeitung: "Viele Länder mit blutiger Vergangenheit mußten wie Chile schmutzige Kompromisse eingehen, um ihre Despoten loszuwerden oder um ein neues Kapitel in ihrer Geschichte zu beginnen. ... Das ist nicht gerecht, aber es kann wie in Südafrika oder Spanien der Zukunft den Giftzahn ziehen" (30.10.98). Was die Süddeutsche Zeitung und andere als unumstößliche Tatsache behaupten, ist in Wirklichkeit eine äußerst kontrovers diskutierte Frage. Internationale Menschenrechtsorganisationen lehnen diese "Politik des Schlußstrichs" grundsätzlich ab, weil sie davon ausgehen, daß es eine Wiederversöhnung der von den Diktaturen gespaltenen Gesellschaften nur geben kann, wenn die Schuldigen für ihre Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden. Bleibe die Straffreiheit bestehen, so sei der Keim einer neuen autoritären Herrschaft bereits wieder gelegt.

Internationale Vernetzung Die Menschenrechtsgruppen vernetzen sich zunehmend international, um gegen Amnestiegesetze und Straflosigkeit vorzugehen und die Einhaltung grundlegender Rechtsnormen zu erzwingen. Sie versuchen, internationale Instanzen zu stärken, weil die nationalen Gerichte vielfach von den herrschenden Eliten kontrolliert und manipuliert werden. Außerdem brauchen sich europäische Richter, anders als ihre Kollegen in Südamerika, von den Drohgebärden chilenischer oder argentinischer Generäle nicht besonders beeindrucken zu lassen. Die Menschenrechtsgruppen finden mitunter Widerhall in den Zentren der Macht. Dort werden die alten Verbündeten im Kampf gegen Kommunismus und "Subversion" mittlerweile eher als abgehalfterte Putschisten gesehen, mit denen kein Staat mehr zu machen ist. Ob sie jedoch an ihre Gegner ausgeliefert werden, hängt nicht zuletzt auch davon ab, ob ihre möglichen Aussagen auch dunkle Wolken auf die eigene Vergangenheit werfen. Und da hätte Augusto Pinochet sicher einiges über die Hilfe zu berichten, die ihm alte Freunde in Europa und den USA zukommen ließen.