Die rot-grüne Koalition hat mit ihren
Entscheidungen zur künftigen Drogenpolitik einen grundsätzlichen
Paradigmenwechsel eingeleitet. Die Bundesdrogenbeauftragte wird
nicht mehr dem Innenministerium unterstellt sein, sondern künftig
unter Andrea Fischer dem Gesundheitsministerium zugeordnet werden.
Seit Jahren wurde die Forderung wissenschaftlich begründet und kommunalpolitisch pragmatisch erprobt: Drogenpolitik ist Gesundheitspolitik und nicht eine Sache von Polizei, Richtern und Staatsanwälten. "Sucht ist Krankheit" wird im Koalitionsvertrag formuliert und weiter: "Darum ist zusätzlich die Suchtkrankenhilfe weiterzuentwickeln mit dem Ziel, eine effektive und qualitätsorientierte Suchtbehandlung und gesundheitliche Versorgung sicherzustellen und zu finanzieren. [...] Modelle wie in Hamburg und Frankfurt (sind) rechtlich möglich zu machen."
In dem knappen Absatz der Koalitionsvereinbarung wird allerdings nur über die ärztlich kontrollierte Heroinvergabe an Schwerstabhängige gesprochen. Es wird nicht die ärztlich indizierte Cannabisbehandlung angesprochen oder eine Lockerung des Betäubungsmittelgesetzes (BtmG) angekündigt. Insofern bleibt die drogenpolitische Vereinbarung in Bonn zunächst hinter den Erwartungen zahlreicher Patienten und Ärzte, Selbsthilfegruppen und Fachverbände zurück.
So wichtig die Heroinvergabe für Städte
wie Frankfurt am Main und Hamburg ist: Sie löst nur den sichtbaren
Teil einer bisherigen, auf Strafverfolgung setzenden Kriminal-
und Drogenpolitik, die allzulang auf die Heroinproblematik beschränkt
war. Daß nach wie vor AIDS-Patienten, Querschnittsgelähmte
und Krebspatienten wegen Anbau und Besitz von Marihuana angeklagt
und verurteilt werden, ist ein Umstand, der nachfolgend im Zentrum
der Kritik stehen wird.
Seit Jahren wird weltweit das teilweise verschwundene Wissen über die Heilkraft von "Cannabis Sativa" und ihrer Wirkstoffe Cannabinoide und besonders der Tetrahydrocannabiole (THC) wieder zusammengetragen. Mit teilweise verblüffenden Ergebnissen. Als Appetitanreger hilft es, den Gewichtsverlust bei Krebs- und AIDS-Patienten zu verlangsamen. Die am weitesten verbreitete Anwendung ist die Behandlung von Übelkeit und Erbrechen, hervorgerufen durch die Krebs-Chemotherapie oder die antivirale Kombinationstherapie bei AIDS-Erkrankten. Ungefähr die Hälfte der mit diesen Medikamenten behandelten Patienten leidet unter solchen Symptomen. Das ist nicht nur unangenehm, sondern gefährdet auch die Effektivität der Behandlung. Die Medikamente, die üblicherweise gegen Brechreiz eingesetzt werden, wirken bei vielen Patienten nicht oder bringen nur wenig Erleichterung. "Essen ist die beste Medizin", weiß der Volksmund!
Die Idee, daß Cannabis hilfreich sein kann, kam in den frühen 70er Jahren wieder auf, als ein paar junge Krebspatienten herausfanden, daß das Rauchen von Marihuana ihre Übelkeit und Erbrechen reduzierte. In einer Studie in den USA mit 56 Patienten, die keine Erleichterung durch konventionelle Medikamente erfuhren, wurden 78 Prozent symptomfrei, wenn sie Marihuana rauchten.1 Oral gegebenes synthetisches THC (Marinol) war erwiesenermaßen da wirksam, wo die konventionellen Substanzen unwirksam waren. Aber das Rauchen des Originalcannabis erzeugt schnellere und besser vorhersagbare Ergebnisse, denn es erhöht die THC-Konzentration im Blut leichter auf das benötigte Level. Außerdem kann es für von Übelkeit betroffene Patienten schwierig sein, Medikamente zu schlucken. Tatsächlich gibt es starke Hinweise darauf, daß die meisten Patienten, die unter Übelkeit und Erbrechen leiden, gerauchtes Marihuana dem synthetischen THC vorziehen.2
1990 suchte sich Rick Doblin, Präsident von der Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS), Charlotte, USA, 2000 Mitglieder der American Society of Clinical Oncology per Zufallsverfahren aus und verschickte einen anonymen Fragebogen, um deren Ansichten über den Nutzen von Cannabis in der Krebstherapie zu ermitteln. Fast die Hälfte der Empfänger antwortete. 44 Prozent hatten mindestens einmal einem Patienten die illegale Nutzung von Cannabis empfohlen, und die Hälfte würde es verschreiben, wäre es legal. Im Schnitt fanden sie rauchbares Originalcannabis bei ihren Patienten wirksamer als Marinol und ungefähr genauso sicher.3
Glaukom, grüner Star, steht unter allen Erblindungsursachen in unserem Kulturkreis an erster Stelle, obwohl bei rechtzeitiger Behandlung das Augenlicht gerettet werden kann. Bei dieser Krankheit erhöht sich der Augeninnendruck so weit, bis der optische Nerv geschädigt wird. Ungefähr eine Million Amerikaner leiden unter derjenigen Form des Glaukoms, die mit Cannabis behandelbar ist. Cannabis verursacht eine dosisbezogene, klinisch relevante Erniedrigung des Augeninnendrucks, die sowohl bei normalen Personen als auch bei Patienten mit Glaukom mehrere Stunden anhält. Cannabis heilt diese Krankheit auch nicht; aber es kann den fortschreitenden Sehverlust verzögern, wenn konventionelle Medikamente unwirksam sind und eine Operation zu gefährlich ist.
Beispiel Schmerzen. Es gibt viele Fallbeispiele
von Cannabisrauchern, die die Heilpflanze benutzen, um ihre Schmerzen
zu reduzieren (postoperative Schmerzen, Kopfschmerz, Migräne,
Menstruationskrämpfe, Muskelkrämpfe usw.). Es ist eine
Ironie, daß die besten Alternativen zur Schmerzbekämpfung,
die Opiate, potentiell weitaus mehr suchterzeugend sind. Cannabis
bekommt daher immer mehr Anerkennung als ein Mittel der Wahl bei
Schmerzen, die mit Muskelspasmen zusammenhängen. Diese sind
oft chronisch und schwächend, besonders bei Querschnittgelähmten,
anderen Opfern traumatischer Nervenschädigungen und Leuten,
die unter multipler Sklerose oder Schlaganfällen leiden.
Viele dieser Menschen haben entdeckt, daß Cannabis ihnen
nicht nur erlaubt, die Risiken anderer Schmerzmittel zu vermeiden,
sondern daß es auch Muskelspasmen und Zittern (Tremor) reduziert.
Die Ausbreitung von AIDS unter homosexuellen Männern hat zwar abgenommen. Aber dafür sind nun zunehmend auch Frauen und genauso heterosexuelle Männer betroffen. Die Gefahren, sich mit AIDS zu infizieren, sind noch nicht gebannt. Auch wenn die Aufklärung über Infektionswege in den westlichen Industrienationen zugenommen hat: Weiterhin erkranken Zehntausende Menschen jedes Jahr an einer AIDS-Infektion, die - ähnlich dem Grippevirus - fast nicht zu packen ist, weil sich der Virus ständig weiterentwickelt, verändert und changiert, variiert und mutiert.
Mit den neuen antiviralen Kombinationstherapien, bei denen die Patienten bis zu 100 unterschiedliche Tabletten zu genau geregelten Zeiten über den Tag verteilt einnehmen müssen, ist die Lebenserwartung von Vollbilderkrankten enorm gestiegen. Unglücklicherweise verursachen diese Medikamente manchmal schwere Übelkeit. Ähnlich wie bei der Chemotherapie bei Krebskranken wird der Appetit nachhaltig gestört. Dadurch wächst die Gefahr des Gewichtsverlustes. Dieser Zustand wird auch "AIDS wasting syndrome" genannt.
Cannabis ist für AIDS-Kranke besonders nützlich, denn es verringert nicht nur die Übelkeit, sondern verlangsamt auch den Gewichtsverlust, indem es den Appetit anregt. Es konnte gezeigt werden, daß Marinol bei Patienten mit HIV-Infektion Übelkeit verringert und den Gewichtsverlust verzögert oder umkehrt. Aber AIDS-Kranke ziehen gerauchtes Marihuana aus denselben Gründen wie Krebs-Chemotherapie-Patienten vor: Es ist wirksamer, hat weniger unangenehme Nebenwirkungen und die Dosierung ist leichter.
Es ist beeindruckend sich vorzustellen, wieviel Leiden hätte verhindert werden können, wenn es Marihuana die letzten Jahrzehnte als Medikament gegeben hätte. Seine lange medizinische Geschichte begann vor 5000 Jahren in China und dauerte noch bis ins 20. Jahrhundert. Zwischen 1840 und 1900 wurden in amerikanischen und europäischen Medizin-Fachzeitschriften noch über 100 Artikel über seinen therapeutischen Nutzen veröffentlicht. Es wurde empfohlen als Appetitanreger, Muskelrelaxans, Schmerzmittel, Beruhigungsmittel und als Behandlung bei Opium- und Alkoholabhängigkeit.
Bei einer Anhörung vor dem Justizausschuß des amerikanischen Kongresses am 1. Oktober 1997 sagte Lester Grinspoon, Harvard Medical School: "Während der letzten Jahre ist vielen Ärzten und Patienten klar geworden, wo der medizinische Nutzen von Cannabis liegt, und die Anzahl der Leute mit direkten Erfahrungen auf diesem Gebiet ist gestiegen. Es wäre nun essentiell, diejenigen gesetzlichen Restriktionen zu lockern, die Ärzte und Patienten daran hindern, eine Zusammenarbeit aufzubauen, die den Bedürfnissen der Leidenden Rechnung trägt." Diese Aussage ist um so erstaunlicher, als daß Lester Grinspoon in den sechziger Jahren seine Cannabinoidforschung begann, um die schädliche Wirkung der Droge nachzuweisen!
An diesen Erfahrungen wird die Gesundheitspolitik der Bundesrepublik die nächsten vier Jahre nicht vorbeigehen können. Zu deutlich wachsen die wissenschaftlichen Erkenntnisse der internationalen Cannabinoidforschung. In der Schweiz, in Holland und England, aber auch in den USA werden zur Zeit klinische Studien vorbereitet bzw. durchgeführt, die die medizinische Wirkung wiederholt unter Beweis stellen sollen. Vor allem aber wächst der Druck auf die Justiz, die trotz des Bundesverfassungsgerichtsurteils mit Verfahren gegen Cannabisraucher überhäuft wird.
Dabei ist Cannabis, als Medikament verabreicht, bemerkenswert sicher. Obwohl nicht vollständig harmlos, ist es erwiesenermaßen weniger giftig als die meisten herkömmlichen Medikamente, die es ersetzen würde, wenn es legal erhältlich wäre. Die Debatten um Schmerzkombinationspräparate mag noch einigen in Erinnerung sein. Ibuprophen und Salicate (z.B. Aspirin) können, über einen längeren Zeitraum eingenommen, schwerste Nierenschäden verursachen.
Trotz seines Gebrauchs durch Millionen Menschen
über Tausende von Jahren hinweg hat Cannabis kein einziges
Mal einen Tod durch Überdosierung verursacht. Der ernstzunehmendste
Einwand wäre eine Schädigung der Lungen durch das Rauchen.
Dieses Problem aber könnte leicht gelöst werden, indem
man die Wirksamkeit von Marihuana erhöht und Techniken entwickelt,
um die wirksamen Bestandteile des Cannabisrauchs, die Cannabinoide,
in anderer Form zu verabreichen. Leider verhindert die Prohibition
in Deutschland weitestgehend die wissenschaftlichen Ansätze
in dieser Richtung. Anders als in England, wo das Innenministerium
die Erforschung neuer Anwendungs- und Dareichungsformen zugelassen
hat, bestehen in Deutschland politische Barrieren. Zur Zeit ist
die größte Gefahr bei der medizinischen Verwendung
von Cannabis dessen Illegalität, die eine Menge Angst und
Kosten bei denen verursacht, die sowieso schon leiden müssen.
Medizinisches Cannabis wäre extrem billig. Würde es staatlich kontrolliert angebaut, würde es so viel kosten wie ein guter Kräutertee in der Apotheke. Cannabis (als Harz oder Gras) kostet auf der Straße 12 bis 20 DM das Gramm; der größte Teil davon ist der Prohibitionstarif. Aber auch seit mit der 10. Änderungsverordnung des BtmG Anfang 1998 in Deutschland das synthetische THC-Präparat Marinol zugelassen ist, das aus den USA importiert werden muß und nicht annähernd so wirksam ist wie das Originalprodukt, ist das Problem nicht gelöst. Das sehr aufwendige Genehmigungsverfahren dauert bis zu sechs Monate. Viel Zeit für Schwerkranke! Marinol kostet pro kleinster Kapsel zu 2,5 mg noch 30 DM. Bei einer Tagesdosis von vier Einheiten kostet die Behandlung pro Monat bis zu 2.500 DM.
In der Frauenzeitschrift Brigitte wurde im Sommer 1998 der medizinische und justizielle Leidensweg einer Patientin beschrieben. Als Jugendliche an Kinderlähmung erkrankt, nach 16 Operationen und zahlreichen langjährigen Schmerzmitteltherapien zermürbt, wurde die Patientin im Krankenhaus (!) auf die heilsame Wirkung von Cannabis aufmerksam gemacht. Das war vor zehn Jahren. Seither raucht sie in geringer Dosis Marihuanagras, hat sie ihren Tablettenkonsum von bis zu 30 Stück pro Tag auf null reduziert und kann angemessen leben. Sie hat nach eigenen Aussagen enorm viel Lebensqualität wiedergefunden. In ihrem Garten pflanzte ihr Mann das Marihuanakraut an. Durch eine Indiskretion aus der Nachbarschaft wurde er nun zum zweiten Mal zu 60 Tagessätzen verurteilt. Als "vorbestrafte" Familie haben sie Wohnung und Job verloren, weil die Sache öffentlich wurde. Sie stehen vor dem Ruin. Solche Fälle wiederholen sich tagtäglich und legen eigentlich ein Armutszeugnis einer zivilen Gesundheitspolitik ab.
Hier muß der in der Koalitionsvereinbarung skizzierte Paradigmenwechsel von Rot-Grün auch greifen. Gesundheitliche, medizinisch-wissenschaftliche Erkenntnis muß handlungsleitendes Instrument einer rot-grünen Bundesregierung werden. Statt ideologischem und strafrechtlich verpacktem Autoritätsanspruch eines "an sich" konservativ regierten Landes braucht es eine Präzision in der Regierungsarbeit, wie Gerhard Schröder auf die Kritik vieler wohlgesonnener Einreden zugesteht. Wer es ernst meint in der Drogen- und Gesundheitspolitik mit dem Paradigmenwechsel, braucht die Expertise und den Diskurs mit der Wissenschaft und nicht mit der Justiz.
Wenn die neue Koalition glaubwürdig in
der Drogen- und Gesundheitspolitik werden kann, wird sie sich
der Erfahrung der betroffenen Bürger und der Medizin nicht
verschließen.
Vom 2. bis 4. Dezember veranstalten die Hessische
Gesellschaft für Demokratie und Ökologie e.V., die Landesstiftung
der Heinrich-Böll-Stiftung, die Deutsche AIDS-Hilfe, die
metropolen AIDS-Hilfen Frankfurt, München, Köln und
Düsseldorf in Frankfurt den Kongreß "Medical Marihuana"
im Congress Center der Messe Frankfurt am Main. Weitere Infos
gibt's im Internet bei der HGDÖ unter: http://www.oeko-net.de/hgdoe
1 Vinciguerra, V., et al. "Inhalation marihuana as an anti-emetic for cancer chemotherapy", New York, State Journal of Medicine, 1988.
2 Grinspoon, L., Bakalar, J. B., "Marihuana - the Forbidden Medicine, Revised and Expanded Edition. New Haven: Yale University Press, 1997 / In deutscher Übersetzung erschienen bei Zweitausendeins, 3. Auflage 1994, ISBN: 3-86150-060-4.
3 Doblin, R., Kleiman M., "Marihuana as anti-emetic medicine: a survey of oncologists attitudes and experiences", Journal of Clinical Oncology, 1991.