Interview mit dem nigerianischen Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka

In Nigeria sieht man sehr viel Brutalität. Was geschieht in diesem Land? Es scheint jeder gegen jeden zu kämpfen.

Das ist richtig. Meine Theaterstücke handeln öfter davon, daß die Menschen in Nigeria sich selbst zum Feind haben. Die Militärregime haben sie brutalisiert. Die Ressourcen an Menschlichkeit gibt es nicht mehr, die unsere Gesellschaft zusammenhielten. Und die Brutalisierung wird noch zunehmen, wenn die Menschen nicht endlich neues Vertrauen gewinnen, indem sie ihre eigene Regierung wählen können.

Denken Sie, daß es in Nigeria zu einem ähnlichen Gewaltausbruch kommen könnte wie in Liberia?

Das ist sehr gut möglich. Als Babangida 1993 die Wahlen annullierte, begann er eine massive, heimtückische Propaganda, mit der er das Mißtrauen zwischen den Ethnien, aber auch innerhalb der einzelnen Volksgruppen vertiefte. Er hat sogar der muslimischen Gesellschaft Nigerias tiefe Wunden geschlagen, hat Interessenskonflikte geschürt, was zu größeren Grausamkeiten, zu wirklich brutalen Morden führte. Das Militär tat nichts, sie zu unterbinden. Im Gegenteil, sie tragen zur Brutalisierung der Konflikte bei. Seit Babangida 1993 die Wahl annullierte, wird in Nigeria eine andere politische Sprache gesprochen.

Noch während der Wahl demonstrierten die Nigerianer eine bemerkenswerte Einigkeit und Disziplin. Da fürchtete Babangida, daß sich die politische Klasse gegen ihn verbünden könnte. All zu methodisch versuchte man, seine Manipulation zu umgehen. Man setzte sich über alle ethnischen, religiösen, minoritären oder majoritären Interessen hinweg. In anderen Worten: Die Wahl führte die Menschen paradoxerweise zusammen. Man begann, sich als Nation zu verstehen. Babangida zerstörte diese Tendenz gezielt, als er die Wahl annullierte. Die danach über Presse, Funk und Fernsehen in Umlauf gesetzte Gerüchteküche zerstörte alles. Er reaktivierte die ethnischen Vorbehalte und streute ungeheuerliche Diffamierungen gegen den Wahlgewinner aus. Babangidas Strategie hatte Erfolg. Abacha setzt sie fort. Heute ist das Gefühl der Einheit von damals dahin. Es ist selbst schwer, die Opposition im Ausland zu mobilisieren. Man sagt mir, ich vergeude mein Leben mit einem Ideal, das Nigeria heiße und den Tod bedeute. Wir sind so weit, daß Leute wie General Ojukwu (General, der die Unabhängigkeit Biafras betrieb) bei den Ibo wieder den Traum von Biafra aktivieren können. Auch die Hausa-Fulani im Norden träumen wieder von ihrer Hegemonie über Nigeria, und die Minoritätengruppen brutalisieren sich weiter. Das ist das Werk von Babangida und Abacha.

Haben die Nigerianer das Regime, das sie verdienen, wie einige behaupten, oder sind die Eliten daran schuld, wie der Schriftsteller Chinua Achebe sagt?

Ich tendiere zu Chinua Achebes Ansicht. Die selbstsüchtige Führungsschicht verschuldet die politischen Mißstände. Doch sicherlich liegt in der anderen Einschätzung ebenfalls ein Funken Wahrheit: Die Menschen sind all zu leicht zu beeindrucken, sie sind so einfach zu korrumpieren. Für all zu viele gilt der Satz: "Wenn du sie nicht beseitigen kannst, dann verbünde dich mit ihnen.- So gesehen ist es richtig zu sagen, daß sie bekommen, was sie verdienen. Aber ich muß sagen, die Nigerianer haben sich auch immer wieder von ihrer anderen Seite gezeigt. Nach der Annullierung der Wahl 1993 habe ich selbst den heroischen Widerstand der Menschen erlebt. Ich sah die Verluste, die immensen Opfer, als Abacha die Demonstrationen kaltblütig niederschießen ließ.

Was macht Abacha so gefährlich?

Er ist ein Psychopat, den wir noch aus der Zeit des Biafra-Krieges kennen, wo er sich hauptsächlich dadurch hervortat, daß er Zivilisten hinter der Front erschoß. Er ist ungeheuer gierig. Babangida war das auch, aber er war methodischer, weniger brutal als Abacha. Abacha ist ein roher Charakter, und man kommt absolut nicht an ihn heran. Er ist total in sich abgeschlossen, neigt dazu, sich an Speichelleckern zu orientieren, an Marabuts, die ihm die Zukunft voraussagen. Er verläßt nie seinen Regierungssitz. Er weiß nicht, was außerhalb vorgeht. Er rühmt sich, daß er weder Zeitung liest, noch fernsieht. Es sind die Leute vom Sicherheitsdienst, die ihm sagen, wer für ihn gefährlich werden könnte. Alles, was er will, ist Macht.

Wird Abacha 1998 die Macht an eine Zivilregierung abgeben?

Wer das glaubt, ist naiv. Wir wissen, daß er plant, seine Uniform auszuziehen, um Präsident auf Lebenszeit zu werden. Eine der von ihm eingesetzten Parteien wird ihn als ihren Kandidaten vorstellen. Und wenn er seinen Plan verwirklicht, wird das Jahr 1998 zum Verhängnis der demokratischen Gesellschaft.

Immer wieder hört man afrikanische Politiker sagen, daß Demokratie etwas für reiche Staaten sei, daß Afrika andere Regierungsformen brauche. Was halten Sie davon?

Für mich hat so jemand eine Sklavenmentalität. Solchen Leuten kann man nicht helfen, es gibt sie in jeder Gesellschaft. Der wahre Grund, warum Militärs die Macht übernehmen, ist doch, daß sie die Ressourcen kontrollieren wollen. Sehr selten steckt eine Vision dahinter. Das sind doch Scheinbegründungen, wenn sie die Korruptheit der Politiker vorschieben oder ihre falschen Wirtschaftsprogramme, ihren Ausverkauf an den IWF. Überall in der Welt gibt es doch korrupte Politiker. Werfen wir einen Blick auf Italien, Indien, Amerika, England, Frankreich et cetera. Warum übernimmt dort das Militär nicht die Macht? Warum sollte das in Afrika legitim sein? Warum stellt sich jemand hin und führt Regeln ein für Afrikaner und Regeln für, sagen wir, Europäer?

Was können die Europäer tun, um die Demokratiebewegung in Nigeria zu unterstützen?

Zuallererst muß dieses Regime absolut isoliert werden! Wir wollen ein rigoroses Ölembargo. Es würde die Ressourcen schrumpfen lassen, die Abacha benötigt, um die Opposition zu brechen, um die Botschafter und Besucher zu bestechen, die ihren Regierungen berichten, daß alles rosig und wunderbar sei. Wir brauchen das Ölembargo und wir brauchen die finanzielle Unterstützung der demokratischen Kräfte durch die europäischen Nationen.

Das Gespräch führten Angelika Burkhard und Thomas Giefer.