Bücherfenster II

Mittendrin und außen vor

Joscha Schmierer

 

Als ein "Eiland im Schengenmeer" wird das Land in einem Beitrag für den Sammelband Die Schweiz - Für Europa? Über Kultur und Politik bezeichnet, und tatsächlich ist die Situation einmalig: Rundum von Mitgliedern der EU umgeben, hatte es die Schweiz 1992 in einer Volksabstimmung sogar abgelehnt, auch nur Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum zu werden. Das Abstimmungsergebnis war allerdings ziemlich knapp, und die Diskussion über das Verhältnis zur Europäischen Union ist seither nicht mehr abgeklungen. Im Vorfeld der damaligen Volksabstimmung war das Buch Die Schweiz in Europa des Historikers Jean-François Bergier, damals nur auf französisch, erschienen. Der Pendo-Verlag hat es jetzt in deutscher Übersetzung vorgelegt. Der Verfasser ist inzwischen zum Vorsitzenden einer nach ihm benannten Kommission berufen worden, die das Verhalten der Schweiz während des II. Weltkrieges untersucht. Seine Stimme hat dadurch an Gewicht gewonnen.

Bergier ist Wirtschaftshistoriker, und wirtschaftliche Gesichtspunkte spielen bei seiner Untersuchung der Entstehung der Schweiz eine wichtige Rolle. Dabei kommt es ihm vor allem darauf an, das Vorurteil zu widerlegen, die Schweiz hätte sich nur deshalb zu einem selbständigen Staat entwickeln können, weil sie von der Geschichte des übrigen Europa "durch seine Berge" getrennt gewesen sei. Umgekehrt: Die Überwindung der Alpen war im mittelalterlichen Europa entscheidend für den Wirtschaftsaufschwung. Der Seeweg war zunächst noch völlig unsicher. Und so lag das Gebiet der späteren Schweiz im Zentrum der Verbindungswege zwischen Italien und dem übrigen Europa: "Der große europäische Verkehr hat sie im Vorgriff auf ihre Geschichte bereits umrissen, gewissermaßen vorbestimmt. Der umschriebene Raum (ein Dreieck vom Tessin bis Basel und von Sankt Gallen bis Genf) besitzt keinerlei natürliche, menschliche, gesellschaftliche oder politische Homogenität. Aber er wird sich ziemlich rasch seiner Komplementarität, einer gewissen Interessengemeinschaft bewußt, die im Grunde Komplizität ist. Eine Wirtschaftsgemeinschaft also, lange bevor sie in eine politische Gemeinschaft mündet. Obgleich auch diese durch multilaterale und bilaterale Bündnisse schon im 15. Jahrhundert Wirklichkeit wird."

Voltaire, der in einem Beitrag des erwähnten Sammelbandes zitiert wird, hat in einem zu naturalistischen Begriff von Ökonomie diese Ausgangsbedingungen wohl unterschätzt, was sein Urteil freilich nicht entwertet: "Wäre die Schweiz nicht frei geworden, so hätte sie in der Weltgeschichte keinen Rang; sie würde mit einigen fruchtbareren und opulenteren Provinzen verwechselt, welche zu den Königreichen geschlagen und anschließend versklavt werden. Man erregt nur Aufsehen, wenn man etwas durch sich selbst ist. Ein trüber Himmel, eine unfruchtbare und steinige Scholle, Berge und Abhänge: das ist alles, was die Natur in drei Vierteln dieser Gegend zu bieten hat. Und trotzdem: Man streitet sich über die Souveränität dieser Felsbrocken mit der nämlichen Hitze, wie man sich um das Königreich Neapel oder Kleinasien geschlagen hat."

Die Schweiz wirkt bis heute gegenüber der übrigen europäischen Staatengeschichte so fremdartig, daß als einzige Erklärung ihrer Besonderheit der politische Willen übrigzubleiben scheint. Der ist sicher nicht zu unterschätzen. Doch sollte nicht übersehen werden, daß dieser politische Willen zu einer Vereinigung auf kommunaler Grundlage im alten Europa eben gerade keine Schweizer Besonderheit war. Die Besonderheit der Schweiz ist, daß er sich dort behaupten konnte gegenüber der monarchisch-absolutistischen Staatsbildung. Daran erinnert Kurt Eichenberger in seinem Beitrag "Die Zukunft der Integration" in Die Schweiz - für Europa?: "Die Schweizerische Eidgenossenschaft durchlief - vorbereitet durch vielfältige bündische Aktivitätsgemeinschaften seit dem 13. Jahrhundert - nach der Mitte des 15. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts gedrängte Phasen der wirtschaftlichen, emotionalen und rationalen Verknüpfungen, die standhielten und sich fortbildeten. Sie führte großräumige Allianzpolitik und Kriege, wie zum Beispiel die, die das geplante europäische Mittelreich des burgundischen Herzogshauses blockierten und Europa auf anderen Geleisen in die Neuzeit lenkten (nach 1477)." Die Schweiz hat dem föderalistisch-kommunalistischen Willen dauerhaft politischen Ausdruck verschafft, der in Europa allgemein verbreitet war. Montesquieu war das noch bewußt, worauf Iring Fetscher im gleichen Band mit einem Zitat aus dem Esprit des lois hinweist, in dem "Holland, Deutschland und der Schweizer Bund, die man in Europa als ewige Republiken ansieht", in einem Atemzug genannt werden. Deutschland habe allerdings den Nachteil, daß in ihm neben "freien Städten Fürsten unterworfene Kleinstaaten" vertreten sind. Es war nie eine größere Schweiz.

Daß "Schweiz und Europa" ein großes Thema europäischer Geschichte bilden, fällt erst auf, seit der europäische Mainstream der Staatengeschichte Züge föderalistischer Vereinigung angenommen hat. Die Ironie ist, daß die Schweiz auch dabei eine Ausnahme bleibt.

 

Martin Meyer und Georg Kohler (Hg.), Die Schweiz - für Europa? Über Kultur und Politik, München (Hanser Verlag) 1998 (246 S, 34,00 DM)
Jean Francois Bergier, Die Schweiz in Europa. Aus dem Französischen von Josef Winiger, Zürich (Pendo Verlag) 1998 (200 S., 38,00 DM)