Untaten & Orte:

Realismus

Michael Schweizer

 

Ambitionierte Krimiautoren haben ein Realismusproblem. Morde sind in demokratischen Friedenszeiten nämlich unwahrscheinlich. Ihre erfindende Beschreibung enthüllt keine tiefere Wahrheit über die Menschen; die liegt vielmehr darin, daß die meisten sich auch in der Not ohne viel Gewalt behelfen. Ernsthafte Schriftsteller, die ihre Geschichten um ausgedachte Morde herum aufbauen, arbeiten also auf der Basis des Untypischen; zugleich wollen sie, weil eben ernsthaft, die Gesellschaft, die Seele, die Menschen zeigen, wie sie sind. Wie geht das zusammen?

In Kjersti Scheens Kein Applaus für den Mörder überhaupt nicht. Die 1943 geborene Norwegerin ist in ihrer Heimat eine erfolgreiche Autorin; an diesem Buch kann das kaum liegen. Es ist aus Sicht der Privatdetektivin Margaret Moss erzählt, einer nicht oder nicht mehr verheirateten Exschauspielerin mittleren Alters mit halbwüchsiger Tochter. Carl Meyer, der Intendant des Theaters, an dem Moss früher gearbeitet hat, engagiert sie zum Schein für ein Musical. Sie soll herausfinden, ob die Schauspieler gegen ihn intrigieren. Dann wird ein Sänger auf offener Bühne erschossen, Moss, nun gegen Meyers Willen, recherchiert weiter.

Für Scheens Schreibweise möchte ich den Begriff des sozialdemokratischen Realismus einführen. Über alles wird geredet, das meiste bleibt klein. Wenig Freude, wenig Haß. Herzensgraue Menschen stolpern durch einen ermüdenden, nicht wirklich schlimmen Alltag, unter sich ein brüchiges, aber noch nicht löchriges soziales Netz. Das ist ein großes Thema; Scheen ist ihm gegenüber stilistisch jedoch nicht souverän, sondern läßt sich von der Beratungsstellensprache infizieren: Horoskope kann man "erstellen", der Tod ist eine "Belastung", und als nach einem zweiten Mord das Musical abgesetzt wird, heißt es dazu im Ernst: "Es kam nicht völlig unerwartet." In diesem Milieu wird niemand morden, wenn sein Therapeut ihm davon abrät. Folgerichtig haben die Verbrechen gar nichts mit dem Theater zu tun, sondern mit der Russenmafia, dem KGB und der CIA. Besser geschrieben - oder übersetzt -, wäre der Roman eine schöne Studie zum Beispiel über die alleinerziehende Mittelschicht. Nur die bezeichnenderweise recht kurz erzählte eigentliche Krimihandlung hätte man komplett weglassen müssen.

@INI-2Z = Håkan Nesser, Jahrgang 1950, macht es in Das grobmaschige Netz umgekehrt: Auf fast alles, was nicht zur Verbrechensgeschichte gehört, verzichtet er und konzentriert sich auf ein paar extreme Figuren. Dem Lehrer Janek Mitter wird vorgeworfen, im Vollrausch seine Frau ertränkt zu haben. Er war es nicht, verhält sich vor Gericht aber äußerst ungeschickt. Kommissar Van Veeteren, beruflich ein Genie, ist ebenfalls schief ins Leben gebaut. Wenn ihm jemand sympathisch ist, wundert er sich. Besonders unsympathisch ist ihm seine Frau. Und der Mörder schließlich, der gegen Van Veeterens Großhirn auf Dauer keine Chance hat, ist ein Psychopath. Diese drei Zentralfiguren sind von dem geordnet mittelmäßigen schwedischen Kleinstadtalltag, der sie umgibt, psychisch so weit entfernt, daß sie nicht aus ihm erklärt werden müssen. Nesser kann sich auf ein paar hingetupfte Kulissen beschränken.

Die Hauptgestalten rücken auch dadurch in den Vordergrund, daß der Autor sie viel sprechen läßt. Diese Dialoge sind brillant, der Roman liest sich über weite Strecken wie ein spannendes, lustiges Drehbuch. Zum Inhalt paßt der allwissende Erzähler mit seinen unverschämt altmodischen Tricks. Der Leser lernt zum Beispiel den Mörder schon früh kennen, erfährt aber seinen Namen nicht - diese plumpe Masche muß man sich erst einmal getrauen. Für moderne Erzähltechniken, mit denen sich der Alltag einer komplexen Gesellschaft durchdringen ließe, interessiert Nesser sich nicht. Er löst das Realismusproblem des Kriminalromans, indem er ihm ausweicht, das aber sehr gekonnt. Das grobmaschige Netz, bei einer Bertelsmann-Tochter erschienen, erhielt 1993 den Preis für das beste schwedische Krimidebüt. Kann man verstehen.

@INI-2Z = Jörg Juretzka geht einen dritten Weg, den anspruchsvollsten. Er will den realen Ruhrpott wiedererkennbar beschreiben, dabei aber glaubwürdige Hauptfiguren auftreten lassen, wie sie außerliterarisch kaum vorkommen, zum Beispiel den geistig langsamen Mordverdächtigen Prickel und den verrückten Mörder. Das Extreme soll als ein Teil des Normalen erscheinen. Stofflich erreicht Juretzka das, indem er sich an den schmutzigsten, gefährlichsten, kriminellsten, süchtigsten, komischsten Rand des Alltags begibt, etwa in Bahnhofskneipen, auf Schrottplätze und in den delinquenten Gebrauchtwagenhandel; technisch schafft er es durch einen Ich-Erzähler. Der ist, wie jeder Sprechende, automatisch subjektiv, so daß Juretzka einen oft mehr kommentierenden und pointierenden als darstellenden Stil pflegen kann, das heißt: Er kann die perversen Seiten des Gewöhnlichen betonen, so daß die Extremfiguren lebensechter wirken. Dieser Stil gelingt: Er ist selten witzelnd und meistens witzig. Ein Mordverdächtiger wurde zur Tatzeit niedergeschossen, als er andernorts einen Geldboten ausraubte - "Kompliment, das nenne ich ein Alibi". Zwei Brüder haben ein Verhältnis wie "Schalke und Dortmund. Hutu und Tutsi." Und so weiter.

Juretzka spielt auch vergnüglich mit Bodenschätzen des Genres. Ich hatte mir irgendwann vorgenommen, keine Krimis mehr zu lesen, in denen auf Chandler und Hammett verwiesen wird. Nichts mehr mit verkaterten Detektiven, Mietschulden und teuren Frauen. Diese parodistische Dutzendware erschien mir toter, als die Originale jemals werden könnten. Juretzka ist die Ausnahme. Sehr zu empfehlen.

 

Kjersti Scheen, Kein Applaus für den Mörder. Roman. Deutsch von Annika Krummacher, München (dtv) 1999 (286 S., 16,90 DM)
Håkan Nesser, Das grobmaschige Netz. Roman. Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs, München (btb Taschenbücher im Goldmann Verlag) 1999 (256 S., 15,00 DM)
Jörg Juretzka, Prickel. Roman, Hamburg (Rotbuch Verlag) 1998 (301 S., 19,90 DM)