Mittendrin in Europa

Eindrücke einer Reise durch die Slowakei – Teil 1

Ute Raßloff / Balduin Winter

Vladimir Iljitsch Uljanov, besser als Lenin bekannt, kraxelte einmal vom polnischen Zakopane aus auf die lichten Höhen der Hohen Tatra, genauer, auf den 2499 Meter hohen Rysy: Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, zu schwindelnden Höhen empor. Das ist eine unkonventionelle und vor allem unbürokratische Möglichkeit, in die Slowakei zu gelangen, denn auf dem Gipfelgrat, der Grenze zwischen Polen und der Slowakei, muss man nicht stundenlang bei Grenzkontrollen anstehen. Allerdings hat Herr Uljanov sich gehütet, auf dieser Route in die Slowakei einzureisen, da die Südwand des Rysy einen Flachländer allzu leicht zum freien Fall verleiten kann, was eine gewisse Unordnung in den objektiven Lauf der Geschichte gebracht hätte, schließlich stand noch die Oktoberrevolution aus, undenkbar, wäre Trotzki ihr strahlender Held gewesen. Andere nicht schwindelfreie Flachländer wie die Ungarn haben ein Jahrtausend zuvor die Cowboy-Methode vorgezogen, sich am fernen Ural auf ihre Mustangs geschwungen, den dritten Gang hinein, und ab durch die Ebenen, dass es nur so staubt. Die dicht bewaldeten Mittelgebirge behindern jedoch den wilden Galopp, also bleibt man eher im Flachen.

Eine andere, nicht alltägliche Art der Einreise ist die Huckleberry-Methode, die Benutzung des Wassersystems, man kennt das von Mark Twains Flusspiraten vom Mississippi: ein zerlempertes Floß, Start in Berlin, Havel, Elbe, Nordsee, Kanal, dann Ärmel aufkrempeln und kräftig rudern, Rhein aufwärts in den Main, Zusteiger in Frankfurt aufnehmen, bei Bamberg in den Main-Donau-Kanal, Donau abwärts, Bratislava, Vorsicht, die Strudel beim Felsen von Devin, knapp vor dem Ziel. Übrigens ist das, jedenfalls von Regensburg und Passau an, eine uralte teutonische Auswanderungsroute. Lassen wir einmal das böse Wort vom deutschen Drang nach Osten, denn es sind friedfertige Bauern, Handwerker und Bergleute, vom ungarischen Adel gerufen, die im 13. und 14. Jahrhundert in größerer Zahl nach Oberungarn auswandern. Sie kommen auch zu Fuß von Nordwesten, aus Sachsen, durch die von der Oder durchflossene Mährische Pforte und teilen sich dann auf mehrere Routen auf, von denen eine nach Zilina/Zsolna/Sillein ins Tal des Váh/ Waag führt. Denn die Flusstäler sind seit alters her die großen Wanderrouten. Zahlreiche Kolonisten, die in der Zips/Spiš siedeln, reisen auch auf der Straße ein, die dem Lauf der Weichsel, des Dunajec und des Poprad folgt, eine der klassischen Fernstraßen des Mittelalters, die Verbindung zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer.

Möglichkeiten gibt es also viele, als Normalreisende fahren wir ganz bieder mit der Eisenbahn über Prag, Olomouc/Olmütz über die Waldberge der westlichen Karpaten nach Zilina, über eine uralte und blitzneue Grenze. Uralt ist die Westgrenze der Slowakei, diese Karpaten-Morava-Linie, weil sie über viele Jahrhunderte hinweg die historische Scheidelinie zwischen Böhmen und Ungarn, zwischen der Wenzelskrone und der Stephanskrone markiert. Mit der Gründung der Tschechoslowakei am 28. Oktober 1918 glaubt man sie überwunden zu haben. Der Gründungseuphorie folgt jedoch bald die tiefe Depression, als 1939 Hitler die CSR zerschlägt und die Slowakei als selbstständigen, autoritären Staat toleriert, mit ebenjener Außengrenze zum Protektorat. Zweiter Anlauf, Befreiung, Wiedervereinigung 1945 – sie hat länger Bestand, hält bis Silvester 1992. In den Neujahrsansprachen beteuern die Politiker beider Seiten, es werde eine grüne Grenze der Freundschaft zwischen den beiden Ländern verlaufen: Champagner auf so viel Zivilität! Nun, so grün ist man sich in den letzten Jahren nicht gewesen, Václav Klaus dürfte in der Slowakei ähnlich viele Freunde wie Meciar in Tschechien gehabt haben, nämlich etwa minus zehn, die Grenzkontrollen entsprechen den Standards an internationalen Außengrenzen. Zwar entspannt sich derzeit die Situation, doch eine Aufnahme Tschechiens in die EU vor der Slowakei könnte diese Grenze zu einer schroffen Barriere werden lassen.

Zilina. – Kommt man spätabends in einer nicht gerade vom Tourismus geplagten slowakischen Stadt an, bleibt einem nichts anderes übrig, im besten oder, so vorhanden, zweitbesten Hotel abzusteigen, es sei denn, die Reisegefährtin ist blond und der slowakischen Sprache mächtig und versteht es, beim Taxistand den Charme der Hilflosigkeit wohldosiert einzusetzen, alles Weitere ergibt sich dann von selbst. Alles Weitere besteht in einer Versammlung der Taxifahrer, die sich schließlich für das Studentenwohnheim entscheiden. Der Fahrer verhandelt geradezu aufopfernd mit der Pförtnerin, die uns extra einen frisch renovierten Trakt für Ausländer aufschließt – für 200 slowakische Kronen die Übernachtung, also 10 DM die Nacht, wie es sich herausstellen wird. Der Eifer des Fahrers kommt uns übertrieben vor. Als spüre er auf seinen schmalen Schultern die ganze Last der Verpflichtung, unbedingt alle Register der sprichwörtlichen slowakischen Gastfreundschaft ziehen zu müssen.

Zilina kann sich sehen lassen. Die Innenstadt, großzügig renoviert, richtet sich um drei Plätze aus: Als ersten überschreiten wir jenen lebhaften Platz, auf dem der Markt abgehalten wird, der alles hat, was einen Marktplatz charakterisiert, von Paprika bis Pelargonien. Ein Platz von hohem Gebrauchswert. Eine Straße führt weiter zu einem schräg abfallenden Platz, der Marktplatz heißt, vor allem aber Hauptplatz ist mit Arkaden und Brunnen, Kirchen, Rathaus und Cafés, ein relativ geschlossenes Barock-Ensemble, sozusagen das kakanische Zilina. Ein Platz von hohem Kommunikationswert. Danach lassen wir die katholische Kirche links liegen und schreiten die Rampe hinunter zum dritten Platz, einem imperialen Forum. Es ist der Andrej-Hlinka-Platz, benannt nach dem Gründer der autonomistischen Slowakischen Volkspartei (SLS, später HSLS), die seit 1918 von der tschechischen Führung Autonomierechte einforderte. Vermutlich standen zwischen 1948 und 1989 auf der mit Marmorplatten verkleideten Langbank, die wie ein Altar wirkt, einmal Marx, Engels und Lenin, vielleicht auch Stalin; heute steht, so die Goldlettern am Sockel, "otec naroda", der "Vater der Nation" darauf, im wallenden Priesterrock, mit ausgestreckten Armen das Taubenvolk segnend. Das Volk dankt für den Segen, denn die Vase zu seinen Füßen ist immer mit frischen Blumen gefüllt. Ein Platz von hohem nationalem Symbolwert.

Hlinkas Konterfei findet man auf Briefmarken und auf dem Tausendkronenschein. Als Indikator für die Spaltung der slowakischen Gesellschaft in der jüngeren Vergangenheit ist er noch in der Gegenwart sehr präsent – Hlinkas einstige Hochburgen sind heute Meciars Wahldomänen. Hlinka hält an den im Vertrag von Pittsburgh (1918) mit Vertretern der Amerika-Slowaken geschlossenen Vereinbarungen fest, die die Gleichberechtigung der Slowaken im neuen gemeinsamen Staat regeln sollen (Sprache, Gerichtsbarkeit, etc.), von den Politikern in Prag jedoch nicht als bindend betrachtet werden. Doch verficht er keine föderale Demokratie, sondern orientiert sich auf einen zunehmend autoritären Nationalismus und gewinnt für seine Ziele die protestantische Nationalpartei. Dieser "Autonomistische Block" (Motto: "Ein Gott, ein Volk, eine Partei, ein Führer!") fordert das Selbstbestimmungsrecht, das spätestens im Mai 1938 als umfassende Autonomie formuliert wird. Nach dem Münchener Abkommen legt die HSLS, nun schon unter Jozef Tiso, mit dem "Silleiner Abkommen" (Sillein = Zilina) sofort nach und zwingt die Prager Regierung in die Knie. Mit der Autonomie der Slowakei beschleunigt sich der Zerfall der CSR: Nach dem Verlust des Sudetenlandes muss die Slowakei ungarische Gebietsforderungen (rund ein Drittel ihres Territoriums) unter dem Druck Hitlers befriedigen.

Zuvor hat Hlinka mit gewisser Berechtigung den "Pragozentrismus" kritisiert. Wichtige politische Entscheidungen werden oft von den Spitzen der großen tschechischen Parteien jenseits der demokratischen Strukturen getroffen. Doch für diese Kritik sucht er das Bündnis mit Hitlers fünften Kolonne, Henleins Sudetendeutscher Partei. Im Faschismus sieht er keine Bedrohung, in Hitler keinen Feind. Bereits im Februar 1938, dem Schicksalsjahr der CSR, führt Hlinka Gespräche mit den Sudetendeutschen über die zukünftige Rolle der Slowakei. Dabei dreht es sich bereits im Grunde um die Hitler-Strategie auf dem Glacis zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion, darum, was Hlinka deutsche Beihilfe zur Autonomie wert ist. Hitlers Interesse gilt in erster Linie dem Sudetenland, des Weiteren dem hoch industrialisierten Böhmen und Mähren, dagegen ist er an der rückständigen Slowakei als Appendix des Reiches nicht interessiert. Hlinka stirbt im August 1938, bevor sich die Ereignisse – Münchner Abkommen (September 1938), Territorialverluste, Zerschlagung der CSR 1939, "Unabhängigkeit" der Slowakei (14.3.1939) – überstürzen. Aber dieser autoritäre "Vater der Nation" hat kräftig zur Dauerkrise der Ersten Republik beigetragen, sich einiges von den Parteistrukturen der Nazis abgeschaut und keine Probleme mit den faschistisch-ständestaatlichen Vorstellungen bei den paramilitärischen Hlinka-Garden gehabt. Unter seiner Führung beginnt ein Kapitel in der Geschichte der Slowakei, das unter dem nächsten HSL’S-Führer Prälat Jozef Tiso zwischen 1939 und 1945 zu der heute noch umstrittenen "Unabhängigkeit" führt:

Umsetzung des jahrtausendalten nationalen Mythos, des sagenhaften Großmährischen Reiches des 9. Jahrhunderts in einen eigenen Nationalstaat, Verwirklichung eines lange und heiß ersehnten Traums? - Oder bloß ein Vasallenstaat von Hitlers Gnaden, dessen frommer Vormann über 60000 Juden, 80 Prozent der jüdischen Bevölkerung, an die faschistische Vernichtigungsmaschinerie ausliefert? Es gibt heute zweierlei Historiografie in der Slowakei, eine nationalistische, die von Leuten wie František Vnuk oder Milan Durica, Vertretern der Ideologie dieses ersten slowakischen Staates, betrieben wird, die Tiso rehabilitieren, den Holocaust verniedlichen, die slowakischen Lager zynisch beschönigen und vieles andere. Demgegenüber entwickelt sich eine moderne, kritische Geschichtswissenschaft, die mit der nationalen Mythologie nichts am Hut hat, die akzeptiert, dass die Geschichte der Slowakei wesentlich "Bestandteil der ungarischen Geschichte ist – nicht nur insoweit, als sie der Rahmen unserer Geschichte war, sondern auch in dem Sinn, dass wir ihre Mitgestalter waren" (L’ubomir Lipták).

Noch ein wichtiges Denkmal steht im Bereich dieses Riesenplatzes der nationalen Symbole. Es ist eine korpulente Blumenplastik, irgendwie morbid, eine Art Fleisch fressende Pflanze aus grünlich grauer Keramik, von der Lavaströme aus ebensolcher Keramik auszugehen scheinen, die sich durch Wasserspiele mit echtem Wasser winden. Als wäre der Inhaber der Keramikfirma, die am Bahnhof mit einem Panzernashorn auf einem Riesenplakat für Wand- und Bodenfliesen wirbt, ein Bruder oder ein guter Bekannter des Bürgermeisters. Dieselbe Keramik kehrt auch an Lampen und an den Säulen der Raumteiler am runden, forumartig abgegrenzten Hlinkaplatz wieder. Oberhalb der Fleischfresser-Keramik befindet sich ein realsozialistisches Relief von hohem pädagogischem Wert mit einem Menschenzug, teilweise uniformiert und bewaffnet: "Ó, do boja volala si matka vlast’ a my pre zivot sme išli" ("O, in den Kampf riefst du uns, Mutter Heimat, und wir sind um des Lebens willen gegangen") – Gedenken zum slowakischen Nationalaufstand, den die KP zu ihrem großen Heldenthema gemacht hat. Nun haben die Kommunisten nicht mehr viel zu sagen, die Mehrzahl ihrer Kader haben sich in andere Parteien verkrochen, einige haben sich zu demokratischen Sozialisten à la PDS gewendet (Stimmanteil: ca. 10%). Mit ihren Symbolen entsorgt man auch ihre Themen. Ihre Gedenktafel zum Aufstand ist entfernt, man hat es nicht einmal der Mühe wert gefunden, das Loch mit einer Platte zu bedecken. Oder wird gerade an einer neuen Heldenplatte gearbeitet?

Ein Platz, zwei Symbole – zwei widersprüchliche Symbole. Denn Hlinkas demokratiefeindlicher Kurs hat den Grundstein für den autoritären Staat gelegt, den Tiso mit Hitlers Wohlwollen arisiert hat. Der Historiker Ladislav Lipscher zitiert in seinem Buch Die Juden im Slowakischen Staat 1939-1945 eine Rede Tisos in Holic am 16.8.1942, die ein Schlaglicht auf dessen Geisteshaltung wirft: "Die Liebe zu sich selbst ist Gottes Gebot, und diese Liebe gebietet uns, all das zu beseitigen, was uns schadet, was uns ans Leben will. Dass das jüdische Element das Leben der Slowaken bedroht hat, davon, glaube ich, muss niemand überzeugt werden ... Wir haben dabei nach dem Gebot Gottes gehandelt: Slowake, entledige dich deines Feindes! In diesem Sinne machen wir Ordnung und werden wir weiter Ordnung machen ..."

Der Nationalaufstand im August 1944, an dem sich größere Teile der Armee, kommunistische Partisanen und Teile der Bevölkerung beteiligt haben, hat sich gegen den Tiso-Staat gerichtet, gegen die Nazi-Anbindung, gegen das Bündnis mit dem Deutschen Reich, für die Beseitigung des autoritären Systems, für die Erneuerung der CSR und für die innere Demokratisierung. Auch wenn er von Husák und der KPS als "kommunistischer Aufstand" vereinnahmt worden ist, zählt er mit Sicherheit zu den großen Aktionen des Volkswiderstandes im Osten. Zwei Monate benötigen die militärisch weit überlegenen SS- und Wehrmachtstruppen, die Tiso auf der Basis des "Schutzabkommens" mit dem Deutschen Reich ins Land gerufen hat, um den Aufstand zu zerschlagen – Tiso lässt Ordnung machen ...

Denn Ordnung muss sein in der slowakischen Familie. So groß der Platz, so pathetisch die beiden Denkmäler – es geht hier eigentlich nicht um den unversöhnlichen Kampf zwischen Demokratie und Diktatur, nein, es geht um die Projektion dieser abstrakten Begriffe in jenen intimen Raum, den alle kennen, in dem es nach Küche riecht und nach Windeln, von draußen her rauscht der Váh, und auf der Pawlatschen ratschen die Nachbarinnen, es geht, schlicht und ergreifend, um die nationale Gemeinschaft, um die Familie, um Vater Hlinka, um Mutter Heimat, und wenn es Streit gibt, gibt es Ohrfeigen, und wenn es den Aufstand der Söhne gibt, dann gibt es Hausarrest, und manchmal hängt sich einer auf. Aber bei allem Zank, man muss zusammen leben, "wir sind doch alle Slowaken", daher hat es seine tiefe Logik, dass Hlinka und die Aufrührer gegen sein System auf ein und demselben Platz stehen.

František Mikloško, Fraktionsführer der katholischen KDH im Parlament, erklärt uns in einem Gespräch, dass "eines der großen Geheimnisse der slowakischen Geschichte darin besteht, dass die Slowaken sich gegenseitig immer alles verzeihen und auf diese Weise ihre Geschichte überleben ..."

Inzwischen hat der Stadtrat von Zilina der Familiengeschichte den i-Punkt aufgesetzt. Am 14. März 2000, dem 61. Jahrestag des Beginns der Kollaboration des slowakischen Staates mit Nazideutschland soll am Katholischen Haus eine Gedenktafel angebracht werden. Sie erinnert an jenen Führer, der 1947 wegen Kriegsverbrechen hingerichtet worden ist, an Jozef Tiso, von dem der Bürgermeister der Stadt, Jan Slota, zugleich Vorsitzender der rechten Slowakischen Nationalpartei (SNS), behauptet: "Niemand kann mir einreden, dass Tiso in der modernen Geschichte der Slowakei nicht zu den größten Söhnen dieser Nation gehört." Ein missratener allerdings, denn dieser Priester war einer der größten politischen Verbrecher des kurzlebigen Staates, der die Judendeportationen abgesegnet hat, wie seine persönlichen Dokumente beweisen, die im Vatikan aufbewahrt sind.

Von Zilina aus kann man mit dem Bus in die verschiedensten Orte der Welt fahren. Der Busbahnhof hat mindestens zwanzig Bussteige und konkurriert spielend mit deutschen Großbahnhöfen, die Fahrplanauswahl ist gigantisch, man kann nach Düsseldorf und nach Budapest, nach Košice und nach Paris, nach Banská Štiavnica und nach Split fahren, ein mitteleuropäischer Fahrplan. Wir entscheiden uns für Trstena im Tal der Orava, beobachten während des Wartens die Frühstücksgewohnheiten männlicher Slowaken über vierzig, die soeben das dritte oder vierte Bier in Begleitung des ebensovielten Borovickas hinunterzwitschern, des nationalen Berauschungsgetränks. Dann geht die Fahrt durch eine der schönsten Landschaften der Slowakei, daraus entstanden, dass es sich die Orava einst in den Flusslauf gesetzt hat, sich unbedingt durch den Mittelgebirgskalk nach Süden durchzubeißen statt nach Polen abzufließen, sodass ein schmales Sohlental, im Durchbruch ein Kerbtal, entstanden ist, das so manche romantische Seele zum Dichten angeregt hat. Manchmal drängt das enge, steile Tal die drei Verkehrswege zusammen, bündelt sie übereinander: unten der Fluss, einst wurde hier geflößt, hoch darüber die Straße und noch etwas höher die kleine Nebenbahn von Kral’ovany nach Trstena. Notat der Reisegefährtin: "Graugrün der Fluss, dicht gesäumt von Huflattich und Weiden, Nadelbäume streben steile Hänge hoch, im Grün schimmern weiß entblößte Felsen. Dörfer gestreckt entlang des Tals, in den Vorgärten der Bauernhäuser wuchern Blumen – Gladiolen, Dahlien, Zinnien - lustig mit Tomaten, Paprika und Mohn um die Wette. Antike Fabriktorsi wie Zitate im Grün. Fabrikskelette rosten zu bizarren Strukturen und sinken langsam in die Erde. Statt an Umweltschäden oder Arbeitslose zu denken, bin ich hingerissen – aus ästhetischen Gründen. Die Tesla-Werke in Dolný Kubín, Hauptort des Tales, sind teilweise stillgelegt, teilweise versucht man immer noch, einheimische Fernseher zu produzieren. Seit der Öffnung nach Europa ist ihr Absatz schwierig – die würde ich mir nicht kaufen, sagt ein ehemaliger Arbeiter."

Gleich danach vergisst man alle sozialen und ökonomischen Probleme angesichts einer der prächtigsten Burgen der Slowakei, Oravský Podzámok/Arwaburg. Von Süden kommend weitet sich das Tal, der Fluss macht einen weiten Schwung. In ihrer Zigtausende Jahre währenden Arbeit hat die Orava den Boden ihres im Oberlauf breiten Tales begradigt und eine Klamm zwischen Großer und Kleiner Fatra zum Váh/Waag durchgegraben. Dabei hat sie am Anfang der Talverengung die Wände eines Kalkfelsen blank geschliffen und an zahlreichen Stellen ausgehöhlt, den Felsen selbst aber nicht fällen können, sodass dieser wie ein riesiger erratischer Block kühn aus dem waldigen Tal herausragt. Auf dem oft überhängenden Fels hundert Meter über der Orava hat man Teil für Teil die Burg errichtet, zunächst die uneinnehmbare Wehrburg, ein Adlerhorst, Felswand und Burgwand scheinen untrennbar miteinander verwachsen zu sein. Blickt man aus den obersten Fensterscharten, glaubt man hoch über der Orava zu schweben – man blickt in der Falllinie auf sie hinunter. Angesichts der Türkengefahr ist die mittlere Burg angelegt worden, die über fünf Stockwerke und zahlreiche Terrassen verfügt, ausgebaut als Verteidigungsanlage mit Bastionen für schwere Geschütze. Aber etwas ganz anderes macht den Charme dieser Burg aus. Im 16. und 17. Jahrhundert erwerben der Magnat František Thurzo und sein Sohn Juraj die Anlage, betreiben ihren Ausbau und ihre Renovierung im Stil der Renaissance. So entsteht zwischen dem militärischen Charakter der Burg mit ihren dicken Mauern, ihren Schießscharten, ihren Kanonen und allen möglichen kriegerischen Geräten einerseits und der Architektur andererseits eine eigenartige Spannung; schon die Palastfassade mit ihren Fensterbögen, Balustraden und Innenhöfen, erst recht aber die Innenräume mit ihrem vielfältigen Inventar demonstrieren ein reichhaltiges ziviles Leben. Und zugleich ist sie eine malerische Kulisse für Märchenfilme – ist hier nicht schon mal König Drosselbart gedreht worden? –, aber auch "Ronja Räubertochter" passt gut hierher, ringsherum ein einsames, dicht bewaldetes Bergland, Platz für Abenteuer, auch eine Räubertradition gibt es, nicht weit von hier ist die Räuberlegende Juraj Janošík geboren, eine Art slowakischer Robin Hood, der allerdings jung am Galgen geendet ist.

Auf der Weiterfahrt sieht man immer häufiger alte Bauernhäuser in der traditionellen Bauweise. Die Natur liefert mit Holz und Stein die Baumaterialien der Region in großen Mengen. Auf einem Sockel aus Stein erheben sich die mit der Schmalseite zur Straße stehenden Langhäuser, im Blockhausstil errichtet. Gut abgelegene, aus starken Stämmen gehauene Kanthölzer bilden die Wände, verzargt mit den Kanthölzern der Seitenwände. Die Ritzen sind mit Moos und Lehm abgedichtet, die Holzwände ins Braunschwarze gedunkelt. Die hohen Dächer sind an allen vier Seiten mit Holz geschindelt. Zu den Eingängen führen ein paar geschichtete Steinstufen an den Längsseiten. Viele Häuser sind unbewohnt, stehen wohl nur noch zu Museumszwecken da; die bewohnten erkennt man gleich daran, dass an den Fenstern, deren Stöcke oft Schnitzereien aufweisen, Blumenkästen angebracht sind, vor allem aber an den bunten Vorgärten, die viel Behaglichkeit und Heiterkeit ausstrahlen – allzuleicht übersieht man, dass der Gemüseanbau einfach lebensnotwendig ist. Vielfach herrschen dort, wo noch Landwirtschaft betrieben wird, armselige Verhältnisse. Nur wenige besitzen einen Traktor, die Arbeit wird vorwiegend manuell getan, man fährt mit Ross und Leiterwagen auf das Feld. Kein Zweifel, die Orava-Region gehört nicht zu den wirtschaftlichen Vorzeigeplätzen der Slowakei. Doch Eindrücke wie diese hier werden wir immer wieder zu sehen bekommen, im ganzen Bergland, in der Zips, im Scharosch, in der Ostslowakei. Dennoch versichern Politiker in Bratislava stolz, die Slowakei habe Polen in der Landwirtschaft überholt und sei daher schon näher an der EU. Sicherlich gibt es, vor allem im Süden und Südosten, reiche landwirtschaftliche Gegenden, die rationeller bewirtschaftet werden. Aber angesichts der prächtigen Bauerngärten hierzulande und der Monotonie der EU-Plantagen mit den Euro-Normen für Stängellängen, Krümmungswinkel von Gurken, Mindestdurchmesser von Tomaten und Marillen, kann man sich nur wünschen, dass die Slowakei mit ihren Gärten die EU-Fadesse revolutioniert und die EU ihr dafür im Gegenzug Traktoren liefert.

Der zweite Teil und Schluss folgt in der nächsten Ausgabe.