Konservativ, aber witzig

Zu einem Essayband von Gilbert Keith Chesterton

Marko Martin

War Ernst Jünger witzig, schätzen wir an Carl Schmitt dessen Sinn für voltenschlagende, dabei aber humane Selbstironie und an Botho Strauß seinen glasklaren, geistreich funkensprühenden Stil? Natürlich nicht. Allein die Frage ist absurd. Man mag sich nun damit trösten, daß sich im umgekehrten Falle wohl auch bei dezidiert linken deutschen Autoren - Grass, Wolf, Jens plus Anhang - kaum fündig werden läßt, und das Sauertöpfische anscheinend mühelos politische und Generationengrenzen überspringt.

Gewonnen wäre mit dieser tristen Einsicht freilich nicht viel. Ungleich lohnender ist es dagegen, sich mit einem Buch zu beschäftigen, das soeben in der "Anderen Bibliothek" bei Eichborn erschienen ist. Der Name des Verfassers - Gilbert Keith Chesterton - wird hierzulande fast nur noch mit seinen berühmten Father-Brown-Geschichten assoziiert, spannenden Krimistories, in denen maliziös schmunzelnde religiöse Erweckung die Sherlock-Holmessche ernsthaft-empirische Entdeckung abgelöst hat. Immerhin konnte man hier den Rationalismuskritiker Chesterton (1874-1936) schon als fröhlichen Schreibarbeiter im Weinberg des Herrn kennenlernen. Nun wird uns der Autor mit der deutschen Neuübersetzung des 1905 erschienenen Essaybandes Ketzer. Eine Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Verräter auch als Pamphletist von hohen Graden vorgestellt. Für Freunde des herrschaftsfreien Diskurses, die ihre Gewißheiten eher verklausuliert unters akademische Volk zu bringen belieben, eine sicherlich nur schwerverdauliche Kost. "Man sollte erst dann schreiben, ja sogar sprechen, wenn man der Meinung ist, daß man recht hat und der andere unrecht - ansonsten sinkt man nach und nach zurück in die Unentschiedenheit der streunenden Tiere und die Bewußtlosigkeit der Gräser. Bäume haben keine Dogmen. Nur Rüben sind extrem weitherzig."

 

Chesterton dagegen ist keine Rübe und deshalb alles andere als weitherzig. Pardon wird nicht gegeben: "Jeder Mann von der Straße muß ein metaphysisches System vertreten und unerschütterlich daran festhalten ... Wenn irgendein geistiger Fortschritt möglich sein soll, dann muß es der Fortschritt beim Aufbau einer festen Lebensanschauung sein. Und diese Lebensanschauung muß richtig, und die anderen müssen falsch sein."

Dergleichen läßt sich wohl am Ende des Jahrhunderts kaum mehr ohne Befremden lesen. Wir kennen, verschreckte Kinder, die blutigen Konsequenzen dieses rhetorischen Spiels mit dem Feuer, und wir tun gut daran, sie nicht zu vergessen. Gerade aber auch darin besteht der Gewinn bei der Lektüre dieses Bandes: Er schärft die Abwehrkräfte, befreit Argumente und Gegenargumente von den Schlacken der Routine - und weckt auch im Bewußtsein des toleranten, aufgeklärten Lesers so manch nützlichen Selbstzweifel. Denn die Rabiatheit der Chestertonschen Donnersätze, in denen oft sogar das Carl Schmittsche Freund-Feind-Denken aufzublitzen scheint, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß dieser blitzgescheite Reaktionär natürlich ein britischer Reaktionär ist - das heißt, ein Modernefeind im Rahmen des Verfassungsstaates.

"Allgemeine Theorien werden allenthalben verächtlich gemacht; der Lehre von den Menschenrechten begegnet man mit der gleichen Geringschätzung wie der Lehre vom Sündenfall." Aus diesem Grund hält er den Vollstreckern der mittelalterlichen Orthodoxie und ihren Ketzer-Verbrennungen zugute, immerhin noch Individuen mit ihren Meinungen ernstgenommen zu haben, während in der Gegenwart nur noch die pure Indifferenz regiere. "Selbst wenn das Ideal solcher Männer nur darin bestand, andere Männer mit einem Fußtritt die Treppe hinunterzubefördern, dachten sie wie Männer an das Ziel, nicht wie Krüppel nur an ihr eigenes Funktionieren." Ein wenig erinnert diese sadomasochistische Nostalgie an die Statements einiger DDR-Autoren, die plötzlich den Zwang der Zensur, das schweißtreibende Feilschen um jedes Wort positiver sehen als das anything goes der anonymen westlichen Gesellschaft. Tatsache im Fall Chesterton ist jedenfalls, daß das ungenießbar Doktrinäre immer auch in Verbindung mit humaner Neugierde steht: "Dennoch gibt es Menschen - und zu denen zähle ich -, die nach wie vor der Ansicht sind, daß die Vorstellung, die sich ein anderer von der Welt als ganzer macht, das Wichtigste und in praktischer Hinsicht Folgenreichste ist, was man über den Betreffenden wissen kann."

 

Eine kleine Chesterton-Parabel zur heilsamen Verunsicherung der von "letzten Dingen" gebrannten Kinder: "Nehmen wir an, auf der Straße kommt es wegen irgendetwas zu einem großen Auflauf, sagen wir, wegen eines Gaslaternenpfahls, den sich etliche angesehene Leute in den Kopf gesetzt haben niederzureißen. Ein graugewandeter Mensch, der den Geist des Mittelalters verkörpert, wird wegen der Angelegenheit nach seiner Meinung gefragt und hebt in der trockenen Manier des Schulmannes an zu argumentieren: ,Betrachten wir zuvörderst, meine Brüder, den Wert des Lichtes. Wenn Licht, für sich genommen, gut ...` Daß ihn jemand an diesem Punkte seiner Ausführungen zu Boden streckt, erscheint einigermaßen verzeihlich. Alle stürzen sich auf den Laternenpfahl, der binnen zehn Minuten herausgerissen ist; daraufhin beglückwünscht man sich gegenseitig dazu, daß man soviel unmittelalterliche praktische Tüchtigkeit bewiesen hat. Im Fortgang aber zeigt sich, daß die Sache doch nicht ganz so einfach ist. Manche haben den Laternenpfahl niedergerissen, weil sie elektrisches Licht haben wollten, manche, weil es ihnen um Alteisen ging, manche, weil sie Böses vorhatten und dazu Dunkelheit brauchten. Manche fanden den Laternenpfahl übertrieben, anderen war er nicht gut genug; manche beteiligten sich, weil sie städtisches Eigentum zerstören wollten, andere, weil sie irgendetwas zertrümmern wollten. Und so herrscht Krieg in der Nacht, und keiner weiß, auf wen er einschlägt. Allmählich und unausweichlich, heute, morgen oder übermorgen, kehrt die Einsicht zurück, daß der Mönch am Ende doch recht hatte und daß alles davon abhängt, wie man über das Licht denkt. Nur müssen wir jetzt die Diskussion, die wir unter der Gaslaterne hätten führen können, im Dunkeln führen."

Chesterton erwähnt jedoch nicht, ob die unter dem Licht der Laterne geführte Debatte von Erfolg gekrönt gewesen wäre; Illusionen von Bekehrung des Bösen durch einfache Rhetorik scheint auch er sich nicht zu machen. Statt dessen schreibt er, in diesem Sinne tatsächlich ein Verfassungspatriot im John Lockeschen Sinne: "Die Freiheit, Gesetze zu machen, ist das A und O eines freien Volkes."

Gesetze in einer Demokratie sind jedoch vor allem eine Einigung über das, was man vermeiden möchte, sozusagen ein Paragraphengeländer vor dem Abgrund der Barbarei. Aber gerade dies stört Chesterton nun ganz enorm. Der moderne Moralist mag zwar geistig gesund bleiben, seine Gesundheit indes verdankt sich einem ungesunden Grauen vor geistiger Krankheit... Viele von diesen sind bloß gut dank einer lähmenden Kenntnis des Bösen."

 

Daß gerade dies aber der beste Schutzmechanismus ist, will der religiöse Moralist nicht anerkennen. "Diese große Lücke in der modernen Ethik, dieses Fehlen eindrücklicher Bilder der Reinheit und des spirituellen Obsiegens" treibt ihn um und läßt ihn auch die Werke seiner Zeitgenossen - Shaw, Ibsen, Walter Pater, George Moore - kritisch analysieren. Hier ist sogar für den heutigen Leser etwas zu holen. Ist es denn nicht wirklich so, könnte man etwa mit Blick auf Deutschland fragen, daß zuerst die schrägen Schreckbilder des Expressionismus die Menschen lediglich in ihrer Orientierungslosigkeit zeigten, anstatt ihnen daraus hinauszuhelfen, und sitzt man - nun am Ende dieses Jahrhunderts, nach Auschwitz, nach dem Gulag, nach Bosnien, Ruanda und den killing fields in Kambodscha - nicht noch immer wie ein Kaninchen vor der Schlange, fähig, das Böse bis in die letzten Verzweigungen zu analysieren, unfähig aber, das Gute, sprich: das Nicht-Barbarische, das unspektakulär Demokratische, auch in der Kunst aufscheinen zu lassen, anstatt seine Propagierung nur den brav staatstragenden Heftchen zur politischen Bildung zu überlassen? Weshalb soviel Scheu?

Chesterton kommt ganz zu Anfang des Jahrhunderts zu folgender Meinung: "An der großen modernen Literatur, für die Ibsen beispielhaft ist, erregt Anstoß, daß einerseits das Auge, das die Falschheit von Dingen wahrnehmen kann, seine unheimliche und verzehrende Scharfsicht immer mehr steigert, während das Auge, das sieht, welche Dinge gut sind, jeden Augenblick trüber wird, bis es fast blind vor Zweifel ist. Was abstößt, ist nicht das Vorhandensein eines erkennbaren Realismus, sondern das Fehlen eines jeglichen Idealismus. Daß es keine goldene Regel gibt, ist wiederum eine goldene Regel oder vielmehr etwas viel Schlimmeres: Es ist eine eiserne Regel, eine Fußfessel, die dem Menschen keinen Schritt zu tun erlaubt... Der Religion zufolge ist das Menschengeschlecht einst gefallen und hat dabei die Kenntnis von Gut und Böse erlangt. Jetzt sind wir ein zweites Mal gefallen, und uns ist nurmehr die Kenntnis des Bösen geblieben."

Dieser zur Selbsterstarrung neigenden Kenntnis setzt nun Chesterton, hier wahrlich ein vergnügter Christ, das Lob des Lebens entgegen. Hier kommt endlich der Romancier, aber auch der Verfasser von Kinderbüchern zu Wort, der Vokabel-Zauberer, dem nichts verwerflicher erscheint als die blasierte Pose des déjà vu. "Viele Menschen tun so, als wäre der Anspruch, den wir erheben, daß nämlich alle Dinge poetisch sind, eine bloße literarische Finesse. Das genaue Gegenteil ist richtig. Literarisch, bloßes Worterzeugnis, ist die Vorstellung, daß es nichtpoetische Dinge gibt. Das Wort ,Stellwerk` ist unpoetisch. Die Sache Stellwerk dagegen ist keineswegs unpoetisch; sie ist ein Ort, wo Menschen in einem Zustand verzweifelter Wachsamkeit blutrote und meergrüne Lichter anzünden, um andere Menschen vor dem Tod zu bewahren."

 

Für Chesterton steckt das Universum noch voller Wunder, und er ahnt, welche Dämonen irgendwann durch die fortschreitende Entzauberung der Wirklichkeit freigesetzt werden könnten. Das Gegengift, das er dazu neben der Religion anbietet, buchstabiert sich schlicht und einfach als Verantwortlichkeit, als humaner Pragmatismus: "Es gibt keinen vollkommenen epikureischen Winkel; es gibt keinen Ort vollkommener Verantwortungslosigkeit. Überall haben Menschen im Schweiße ihres Angesichts und voll Gehorsam den Weg für uns bereitet. Wir mögen uns in einer Stimmung himmlischer Sorglosigkeit in eine Hängematte werfen. Aber wir sind froh, daß die Hängematte von ihrem Verfertiger nicht ebenfalls in einer Stimmung himmlischer Sorglosigkeit geknüpft wurde."

Vielleicht war es dieser Witz, diese im höheren Auftrag tätige Ironie, die das konservative, sich so stur selbstgewisse Großbritannien davor bewahrt hat, in diesem Jahrhundert kollektiv durchzudrehen und sich den braunen oder roten Erlösungsideologien in die Arme zu werfen.

Genauso knapp wie der Idee des Übermenschen, wird der von jungen, kraftstrotzenden Gemeinschaften, die angeblich dazu ausersehen wären, die alten, konventionellen Nationen abzulösen, eine sarkastische Abfuhr erteilt: "Jeder, der das Trugbild der jungen Gemeinschaft auf eine Bank oder einen Fleischerladen übertragen wollte, würde in eine Irrenanstalt gesteckt." Hinter all dem steht die Ahnung, daß säkulare Heilsideen zwangsläufig enttäuschen müssen, weil sie vor dem Grundproblem der menschlichen Existenz so völlig versagen. "Ich bestreite, daß Nationen ,prädestiniert` sind, große Nationen zu sein. Ich bestreite (natürlich), daß überhaupt etwas Menschliches zu irgend etwas prädestiniert ist. Die ganzen absurden biologischen Metaphern - jung und alt, leben und sterben - sind, bezogen auf Staaten, nichts als pseudowissenschaftliche Versuche, den Menschen die furchtbare Freiheit ihrer einsamen Seelen zu verheimlichen ... Allem Anschein aber zählt eine Illusion nicht als Illusion, solange sie eine materialistische Illusion ist."

Chestertons Lust am Paradox hatte ihn bei vielen seiner religiös-konservativen Zeitgenossen suspekt gemacht. Seine Form von Religiosität ist kein Alibi für freivagabundierenden Irrationalismus, eher schon ein - wenn auch zweifelhafter - Versuch, der fallweise in Massenterror umschlagenden Hybris des modernen Menschen etwas Übergeordnetes entgegenzusetzen: "Wahnsinnig ist nicht, wer seinen Verstand verloren hat. Wahnsinnig ist, wer alles außer seinem Verstand verloren hat."

Es ist zu wünschen, daß nach diesem Essayband weitere Chesterton-Bücher auf deutsch erscheinen werden - immerhin hätten die hiesigen Verleger ja eine Auswahl aus über siebzig Werken: "Unsere Existenz mag irgendwann kein Lied, auch kein wunderschönes Klagelied mehr sein. Unsere Existenz mag kein begreifbares Recht, ja nicht einmal erkennbares Unrecht sein. Immer aber ist sie eine Geschichte. Im blutroten Alphabet jedes Sonnenuntergangs steht geschrieben: Fortsetzung folgt." (Chesterton)

 

Gilbert Keith Chesterton: Ketzer. Eine Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Verächter, Frankfurt am Main (Eichborn Verlag) 1998 (293 S., 48,00 DM)