Transformation des Politischen

Für eine Re-Vision derzeitiger Gesellschaften

Hans-Peter Krebs

"Regieren macht Spaß!" – nicht nur der deutschen Bundesregierung, wenn auch weitgehend frei von Politik. Das Politische unterliegt einem grundsätzlichen Wandel – nicht nur hier zu Lande. Was ist heute der Ort des Politischen und der des Staatlichen? Hinweise liefern können die Gedanken von André Gorz und Marco Revelli.

Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.
Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte (MEW Bd. 8, S. 115)

Eine der Lehren der Kritischen Theorie aus den Dreißigerjahren ist, dass Moral der Stoff der Politik ist, insofern erstere rational geworden ist. Mit diesem schlicht daherkommenden Gedanken thematisiert Max Horkheimer einerseits die wechselseitigen Beziehungen von Moral und Politik, andererseits öffnet er mit diesem Werden auch eine Dimension der Zeitlichkeit und der Zeitgebundenheit. Zeitliche Veränderung wirkt sich nicht unisono auf Gesellschaft aus, sondern stößt in unterschiedlichem Maße auf Beharrungsmomente in unterschiedlichen sozialen Gruppen. So gesehen tritt Zeit und insbesondere gesellschaftliche Beschleunigung immer in bestimmten sozialen Kontexten auch unterschiedlich in Erscheinung. Marxisch gesprochen: Basis und Überbau verhalten sich nicht gleichmäßig, sondern eben unterschiedlich, auch sozial verschieden. Diese differenzielle Präsenz ordnet wiederum Individuen und Gruppen bestimmten sozialen Positionierungen und Perspektiven zu, die sowohl deren gesellschaftliche Sichtweisen einschließlich ihrer Selbstwahrnehmung als auch deren politische Zielbestimmungen maßgeblich bestimmten. In der Konsequenz bedeutet Modernisierung im abstrakten Sinne für die einen Verlust und Zerstörung von gelebter Sicherheit, für die anderen neue Chancen zur Verwirklichung, zu gesellschaftlicher Anerkennung. Jenseits von ideologischen Bekenntnissen zu abstrakten Glaubenssätzen führen solcherlei zeitliche Veränderungsprozesse zu einer Umgruppierung und Umwertung von routinierten, sedimentierten Orientierungen und in besonders heftigen Fällen zu einer großflächigen Desorientierung der Bevölkerung. Neuorientierungen und Desorientierungen manifestieren sich zwar parallel und gleichzeitig, aber eben unterschiedlich schnell und mit höherer oder geringerer Festigkeit, führen langsamer oder schneller zu gruppenspezifischen und/oder formationstypischen Verhaltensweisen und Organisationsformen. Auch wenn viele meinungsmachende Zeitdiagnostiker von konstanten politischen Verhältnissen in der BRD trotz derzeitiger Spendenaffäre ausgehen, häufen sich Anzeichen – wie etwa Antonio Gramscis Reflexionen über die "organische Krise" für die Dreißigerjahre in Italien oder auch eine Krise der repräsentativen Demokratie in der zeitgenössischen BRD –, die von einer Diffusion, von einer mehr oder minder schleichenden, nur embryonal wahrnehmbaren Dekomposition dessen ausgehen, was einem Großteil der derzeit Lebenden als "normales" Leben in der modernen Gesellschaft gilt.

Nennen wir diese Perspektive kurz den OECD-Alltagsblick, also jenen Blick, der sich in den entwickelteren Kapitalismen des Nordwestens über die Nachkriegsphase herausgebildet hat. Unter den Bedingungen einer konstant bleibenden "Normalität" bleibt der größte Teil des kulturell-sozialen Wandels unterhalb der Tagespolitik, wird diese selbst von sozialwissenschaftlich sozialisierten Menschen nur bedingt wahrgenommen. Der französische Titel von Gorz‘ Buch Misères du présent, Richesse du possible – Dépasser la société salariale (Elend des Gegenwärtigen, Reichtum des Möglichen – die Lohngesellschaft überwinden) bringt diese Kluft auf eine präzise Formel. Gorz klagt damit nicht etwa den Rückstand der Denkweisen gegenüber den Möglichkeiten eines entspannteren und multiaktiven Leben ein, sondern umgekehrt den "Rückstand des Politischen" gegenüber der Entwicklung des Denkens, nicht nur in der "großen" Politik, sondern gerade auch bei denjenigen, die sich aus dem "Elend der Arbeit" des Alltags befreien wollen. Der Autor schlägt daher vor, einen neuen Blick auf unsere derzeitigen Gesellschaften zu werfen, ja geradezu zu entwickeln, der sich von den fordistischen Denkmustern kritisch ablöst, die im Wesentlichen von einer Heilbarkeit beziehungsweise Verlängerungsmöglichkeit dieses überkommenen Gesellschaftstyps ausgeht währenddessen sich die derzeitigen Gesellschaften seit Jahren immer mehr darin verstricken. Noch immer gilt das Normalarbeitsverhältnis, Vollbeschäftigung und lohnarbeitszentrierte Sozialsicherung als Norm und Normalität, wo solche Beschäftigungsziele inzwischen als Errungenschaften von glorreicheren Zeiten gelten, nicht mal die Mehrheit der Beschäftigungsverhältnisse ausmachen und Erwerbsverläufe zunehmend diskontinuierlicher werden, ausreichendes Einkommen oft nicht mehr langfristig gesichert werden kann. Dass ein solcher Perspektivenwechsel nicht schlicht durch einen "realistischeren" Zugriff auf Gesellschaft erreicht werden kann, sondern sich durch veränderte ideologische Konstellationen durcharbeiten muss, lässt erahnen, wie kompliziert diese Situation derzeit ist.

Die geneigte LeserIn mag sich an Louis Althusser erinnern, der bereits in den Siebzigerjahren auf die komplizierter werdenden ideologischen Verhältnisse aufmerksam machte, die er als Philosoph und kritisches Mitglied einer verkrusteten moskautreuen KP gut kannte, gleichwohl zu einer der produktivsten Phasen im Rahmen der Diskussionen um den strukturalen Marxismus verwandelte. Althusser wendete sich damals gegen die "hartnäckigen Evidenzen" und forderte den Übergang vom "Standpunkt der Produktion" zu jenem "der Reproduktion", was heißt, alle relevanten Faktoren in der Analyse zu berücksichtigen, also auch die der dynamisch-ideologischen Reproduktion, ohne die alles "abstrakt, einseitig und verzerrt" bleibe. Die Rolle der ideologischen Herrschaft war damit aufgewertet, ebenso der Faktor Zeit in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Aus einer solchen Perspektive geraten somit vor allem jene Vorstellungen in die Kritik, die ein "Weiter so" nahe legen, also einer Politik weiterer standhafter Konzessionen gegenüber Staat und Kapital (concession bargaining) als einem "Übergang" das Wort reden, bis der "kapitalistische Normalzustand" samt Vollbeschäftigung wieder hergestellt sei. Solche und ähnliche Sichtweisen, vor allem aus dem keynesianischen Umfeld vertretene Illusionen, unterschlagen dabei, dass sich seit den Aktivitäten der Trilateralen Kommission 1973 systematisch ein neues System etabliert hat, das auf die Krise der Regierbarkeit in den Unternehmen und auf Formen des Widerstands der Beschäftigten, auf die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften spitzt und deren Ziel eine Befreiung des Arbeitsmarktes von "außerökonomischen" Verfälschungen – sprich: von Deregulierung, also der Herrschaft der Marktgesetze ist.

Dieser unter dem Namen Globalisierung als Sachzwang auftretende Prozess strebt eine strategisch-politische Antwort auf den seit dem Zweiten Weltkrieg eingeschlagenen Entwicklungspfad der sozialen Marktwirtschaft oder eines konsensuellen Kapitalismus an, mit dem die Konflikte zwischen Kapital und Arbeit "gezähmt" wurden (Aufteilung der Produktivitätszuwächse zu Lasten der Natur, Sozialstaat). Dieser fundamentale Paradigmenwechsel oder die neoliberale Konterrevolution hat mittlerweile die nationalen, formationsspezifischen, sozio-ökonomischen Kompromisse gesprengt und kommt einem Krieg des Kapitalismus gegen die Arbeiterklasse gleich (so Lester Thurow) und das bedeute das Ende des ökonomischen Nationalismus (für den der Keynesianismus Voraussetzung war und ist). Damit konnte, so Gorz, das Kapital die Krise des fordistischen Modells überwinden und erreicht mittlerweile absolute, ungeteilte und uneingeschränkte Macht: die Diktatur des Finanzkapitals hinterlässt absolute Gesellschaftslosigkeit unter der Dominanz instrumenteller Vernunft. Dabei entstehen die ungleichen Verhältnisse nicht aus ökonomischen, quasi zwangsläufig und naturwüchsig, sondern gerade aus politischen und ideologischen Gründen. Die jüngsten Wandlungen in der Arbeitswelt zeigen gerade, dass sich die vorhandenen Befreiungspotenziale des Post-Taylorismus nur durch die Überwindung kapitalistischer Produktionsverhältnisse verwirklichen lassen. Diese Entwicklung komme einem Drama gleich, weil die moderne Arbeitswelt immer mehr die Ebene der abstrakten Arbeit verlässt und eine Personalisierung der Abhängigkeit betreibt, eine totale Unterwerfung der Kreativität forciert, die sich mit neuen Formen der Selbstvermarktung dem Wesen der Prostitution immer mehr nähert. Persönlichkeit werde mittlerweile zum wesentlichen Bestandteil der Arbeitskraft. Dieses Konkretwerden der Arbeitsverhältnisse, das zunehmend jeweils als individuelle Form der Arbeit auftritt, bringt den Ausbeutungs- und Unterordnungscharakter der nach wie vor geltenden kapitalistischen Produktionsweise anders als bisher zur Geltung und entzieht sich quasi den fordistisch geschulten Wahrnehmungsmustern. Objektiv, so Gorz, ist dies gegenüber dem Fordismus ein Rückschritt, dessen strukturelle Widersprüchlichkeit im Lohnverhältnis noch anerkannt werden musste, während die modernen Arbeitsformen (Dienstleistung, Kommunikation) moderne soziale Beziehungen in der Arbeit durch vormoderne ersetze und so scheinbar den bisher anerkannten Antagonismus aufhebe, was zu der gegenwärtigen Verwirrung beiträgt, auf die das Kapital seine ideologische Vorherrschaft und seine Macht gründet.

An dieser Stelle ist möglicherweise ein Hinweis auf das Buch von Marco Revelli hilfreich, das die gesellschaftlichen Veränderungen in ähnlicher Weise beleuchtet und einer reichhaltigen kritischen Phänomenologie mit dem Schwerpunkt des Vergleichs der Arbeitswelt im Fordismus und Postfordismus unterzieht. Der Bruch der Kette "Territorium – Staat – Reichtum", die Stichpunkte "Metamorphose des sozialdemokratischen Modells", die Forderung nach einer "solidarischen Ökonomie" und die "Zweideutigkeit des dritten Sektors" verweisen auf die große Parallelität zu Gorz. Die eher phänomenologische Herangehensweise Revellis, die in postoperaistischen Traditionen wurzelt, zeigt dabei die Richtung an, in der man gerne die umfangreicheren gesellschaftstheoretischen Thematiken von Gorz (neue Jugendkultur, das Städtische als Experiment, Problemfeld Sozialisierung/Erziehung) weiterbearbeitet sähe.1 In dieser Verschränkung regen beide Bücher auf alle Fälle aktuelle Diskussionen wie etwa um das Existenzgeld an, wobei Gorz sicher mit seiner ausgefeilteren Systematik und vor allem im nach praktischen Alternativen bemühten Kapitel "Jenseits der Lohngesellschaft" brilliert.

Neben zahlreichen Details wie den sich grundlegend verändernden Erwartungen an Erwerbsbiographien (Stichpunkt: diskontinuierliches Arbeiten), die sich keineswegs nur fremdbestimmt verschieben, und der weitreichenden These, dass der Kampf um die Zeitsouveränität der Kampf um die Macht selbst sei, um ihre gesellschaftliche Verteilung und um die Richtung, in der sich die Gesellschaft entwickelt, fokussiert Gorz als Bedingung für eine solche kulturelle Revolution freilich ein "ausreichendes. bedingungslos garantiertes Grundeinkommen" oder auch Existenzgeld. Damit soll im Rahmen einer selbstbestimmten Multiaktivitätsgesellschaft die noch vorhandene Arbeit (einschließlich der bislang unbezahlten und oft geschlechtsspezifisch zugeschriebenen Reproduktionsarbeit) schrittweise umverteilt werden, um sich so die Zeit wieder anzueignen, die letztlich über die Einführung von Kooperationsringen den Geld- und Warenfetischismus abschaffen (bei Beibehaltung des Marktes) und den ökonomischen Tausch auf eine andere Basis stellen und mehr die politische Ökologie ins Zentrum rücken werde.

Deutlich tritt hier das Utopische hervor, das seit Jahren festes Element bei Gorz ist. Demgegenüber steht heutzutage eher die kurzfristigere Problemlösungskompetenz im Zentrum des Politischen, das dieses immer mehr auf das unmittelbar Machbare beschränkt. Das Politische erhält zunehmend mehr einen realpolitischen" Drive (bis hin zum Nato-gerechten Zusehen im Drama Tschetschenien). Vergleiche dazu Joschka Fischers anti-utopische Rezension "Lebt wohl, Verdammte dieser Erde!" über Gorzens Abschied vom Proletariat aus den frühen Achtzigern.

Dabei könnte man sehr wohl der Meinung sein, gerade in einer die Geschichte reflektierenden Lockerung gegenüber so genannten wissenschaftlichen Einsichten sowie in einer Hinwendung zu eher utopischen Aspekten und possible worlds liege auch ein Quäntchen des Reizes, der durchaus in eine kontroverse Diskussion um Entwicklung und Zukunft dieser Gesellschaft münden könnte. Überhaupt scheint mir das Buch von Gorz weniger auf stringente Umsetzung zu setzen – denn das würde voraussetzen, man habe analytisch alles in der Tasche und wisse, wo es in emanzipativer Zielsicherheit hingehe. Vielmehr kommt es ihm auf kommunikative Prozesse an, die selbst als Teil der Erzeugung des dazu benötigten politischen Willens verstanden werden müssen, also weniger erfolgsorientiert als prozessorientiert. Solche kommunikativen Prozesse (seien es in den zahlreichen lokalen Agenden 21 oder in anderen städtischen Treffen oder bei sonstigen Anlässen) könnten dabei mosaiksteinartig an einer Re-Vision derzeitiger Gesellschaften arbeiten, die ja Voraussetzung eines Brechens mit der sterbenden Gesellschaft ist:

"Die Gesellschaft leidet unter dem Mangel an Arbeit wie ein Amputierter unter Phantomschmerzen. Sie bewahrt die Arbeit in der Art eines Phantoms als ihr Zentrum. Die Arbeit ist eine Phantomzentralität. Wir leben in einer Phantomgesellschaft, die ihr eigenes Verschwinden dank der obsessiven, reaktiven Beschwörungen all derjenigen phantomatisch leidend überlebt, die weiterhin in der Erwerbsgesellschaft die einzige mögliche Gesellschaftsform sehen und sich keine andere Zukunft als die Rückkehr in die Vergangenheit vorstellen können" (82).

Es ist eine merkwürdige Welt, in der es zwar Mangel an (Lohn-)Arbeit gebe, zu der aber nichtsdestotrotz jeder verpflichtet sei, die quasi als verbindliche Norm und unersetzliche Grundlage unserer Rechte weiterhin gelte. Deshalb: Wir müssen den Exodus aus der "Arbeitsgesellschaft" wagen, sie besteht nicht mehr und sie kehrt auch nicht wieder, wir müssen sie begraben, statt sie zu betrauern, damit aus ihren Trümmern eine andere Gesellschaft entstehen kann (Einleitung). Der Bezug auf den biblischen Exodus hebt noch einmal die Frage der Perspektive hervor. Er geht zurück auf die Auseinandersetzungen zwischen "wissenschaftlichen" und "utopischen" Sozialisten, die sich einmal auf die Kräfte beziehen, die im Kapitalismus zum Sozialismus hintreiben, und andererseits auf jene Kräfte, die ausgehend von dem "Traum, den die Menschheit hegt", aus dem Kapitalismus hinausziehen. Marx hatte sich schnell von der zweiten zur ersteren Position entwickelt. Forthin galt ein besonderes Augenmerk den aus der Gesellschaft hervorwachsenden Antagonismen, die es eben wissenschaftlich zu analysieren galt. Gorz zeichnet demgegenüber ein Bild, das auf die verborgenen, bisher nicht verwirklichten Chancen in den Rissen der zerfallenden Gesellschaft setzt. Damit schlägt er einen typischen dritten Weg à la Gorz vor, der (Giddens paraphrasierend) jenseits des Weges von Babylon und Jerusalem liegt, also jenseits der Politik des Aussitzens und der Konzessionen im Kapitalismus (Reformismus), aber auch jenseits des Politikmodells eines Exodus ins gelobte Land (die Sowjetunion), das sich längst in eine Perspektive des verlorenen Systemwettbewerbs auf allen Gebieten verwandelt hat. Mit dem Exodus des Kapitals und dem Hinter-sich-Lassen jeglicher Gesellschaftlichkeit, mit dem völligen Plattmachen der Arbeit im politischen Sinne (was im radikalsten Sinne einer Auflösung des Verhältnisses von Kapital und Arbeit gleichkommt) verbreite sich immer umfassender ein instrumenteller Umgang untereinander, werden private und öffentliche Räume von strategischen Akteuren im Bereich Geld, Medien und Militär dominiert. Somit müsse auch gesellschaftliche Emanzipation völlig neu gedacht und konzipiert werden. Gorz schlägt nichts Geringeres als den Exodus aus der kapitalistisch verfassten Arbeitsgesellschaft vor: eine schrittweise Organisierung der derzeit notwendige Arbeit (pro Kopf etwa von 20000 Stunden lebenslang) in einer anderen Ökonomie, auf der Basis von Kommunikation und Kooperation und unter Berücksichtigung der Sozialökologie. Eine solche Ökonomie würde, so die Vision von Gorz, das überkommene institutionelle Gefüge des Kapitalismus austrocknen (lassen), während sich die Multiaktivitätsgesellschaft selbstbestimmt entfalten könnte. Eine Art Vivisektion des Gesamtpatienten alter Ordnung, durchgeführt von jenen, die sich dazu berufen fühlen, und nach ihrer Maßgabe autonom und reflexiv bestimmten Zielen. Von daher erhalten auch die bei Gorz schon bekannten Kategorien, wie Autonomie, Selbstbestimmung, Individuum und Subjekt anstatt Klasse oder Nicht-Klasse, im jüngsten gegenüber früheren Büchern noch besondere Schärfe, insbesondere dort, wo seine Selbstkritik gegenüber einem noch zu stark Verhaftetbleiben in der Logik fordistisch-industrialistischer Arbeitsteilung deutlich wird.

Doch machen wir uns nichts vor. Die Ideologie der gesellschaftlichen Reproduktion durch die Sozialisierung der Individuen ist fest verankert, dass sie das Auseinanderfallen der Gesellschaft und das Verschwinden der "sozialen Rollen" überlebt (65). Es bedarf einer explizit politischen Perspektive, um diesen Bruch auch zu vollziehen. Ausgangspunkt darf dabei nicht die Verlängerung des Existierenden sein, wichtig ist es vielmehr, dass diese Möglichkeiten eines Jenseits der kapitalistischen Gesellschaft in deren Entwicklung selbst enthalten sind, und diese Möglichkeiten zu zeigen, damit sie werden. Es ist ein Kampf gegen die Gewohnheit und für selbstbestimmte Veränderung. Er stellt uns alle vor die nicht leichte Aufgabe, uns radikal selbst zu konstituieren. Weder irgendein Gesellschaftsmodell noch die beste Anthropologie wird uns von dieser Aufgabe entbinden. Wie solche neo-sozialliberalen Zukunftsphantasien aussehen, zeigt der konvertierte Regulationstheoretiker Michel Aglietta mit seinem neuen Akkumulationsregime des Vermögensbesitzes (dort sind die Lohnabhängigen ebenfalls zu investierenden Vermögensbesitzern konvertiert) in seinem neuen Zeitalter der Arbeitsgesellschaft: Ein systemisch perfekt funktionierender Kapitalmarkt übernimmt alle Steuerungsleistungen, wozu Sozialtechnologen vom Schlage Agliettas nur noch die passende Arbeitsverfassung sowie das entsprechende institutionelle Gefüge "politisch vermitteln" – Thomas Morus hätte gestaunt! Merke: Denn auch der Liberalismus ist eine Reglementierung mit staatlichem Charakter, wie ein Gramsci-Zitat (Gorz 18 – vgl. GGH 6, 1566) zeigt, schließlich lässt dieser die bürgerliche Gesellschaft völlig unbeschadet, perfektioniert sie geradezu.

Bei einer solchen ungewohnten Sichtweise ist es nicht verwunderlich, wenn einige Fragen nach zentralen marxistischen Begriffen in neuem Kontext auftauchen. So streift Gorz die Frage der immateriellen Arbeit oder Massenintellektualität, die ihm zufolge in einem globalen Produktionsprozess gar nicht mehr exakt gemessen, geschweige denn zugeteilt werden kann, sondern mehr oder minder alle Vorgänge durch politische Preise (Telekommunikation) ausgedrückt würden. Macht da die Rede vom general intellect (vgl. Grundrisse) gar den Schlüsselbegriff des Mehrwerts überflüssig? Wie steht es mit der Zentralität der Arbeit? Welche Prozesse der gesellschaftlichen Veränderungen gehen mit einem solchen Perspektivenwechsel einher? Wie ist der Stellenwert von politischen Organisationen zu denken, wo ist der Ort des Politischen, wo des Staatlichen?

Das sind nur einige Fragen, die sich im Anschluss an die Lektüre stellen und auf einen sehr grundlegenden Wandel des Politischen hinweisen. Dieser Wandel setzt gleichwohl so unterschiedlich und gleichzeitig so umfassend an, dass die Lektüre der Bücher von Gorz und Revelli ihre gesellschaftsrelevante Tragweite erst in einem Vergleich erschließen, der beispielsweise auf die unterschiedlichen Charaktere von Produktion oder Subjekt jeweils der fordistischen zur postfordistischen Vergesellschaftung gegeneinander abhebt. Eine derartig heuristisch angelegte Annäherung an die zeitgenössischen Gesellschaften könnte zusammen mit einer hoffentlich breiten Diskussion der Unterschiede die gesellschaftlichen Veränderungen festhalten und die so konstatierten Transformationen des Politischen auch in einen Prozess der gesellschaftlichen Neubewertung überführen. Und möglicherweise einer gesellschaftskritischen Praxis neuen Raum bieten.

1 Es wäre zu wünschen, dass bei Revelli das inhaltliche und methodische Interesse daran gegenüber den Mängeln der übersetzungsbedingten Syntax überwiegt, die durch ein besseres Lektorat hätten vermieden werden können.

Literatur:

Aglietta, Michel: Ein neues Akkumulationsregime. Die Regulationstheorie auf dem Prüfstand, Hamburg (VSA-Verlag) 2000

Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate, Hamburg (VSA-Verlag) 1977

Gorz, André: Arbeit zwischen Misere und Utopie, Frankfurt/M. (edition suhrkamp) 2000

Fischer, Joschka: Von grüner Kraft und Herrlichkeit, Reinbek (Rowohlt) 1984

Horkheimer, Max: Kritische Theorie. Hg. v. Alfred Schmidt, Frankfurt/M. (S. Fischer) 1968

Negri, Toni u.a.: Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion, Amsterdam (ID-Verlag) 1998

Krebs, Hans-Peter/Rein, Harald (Hg.): Existenzgeld. Kontroversen und Positionen, Münster (Westfälisches Dampfboot) 2000 (i.Ersch.)

Trilaterale Kommission: www.trilateral.org

André Gorz: Arbeit zwischen Misere und Utopie. Edition Zweite Moderne, Frankfurt/M. (edition suhrkamp) 2000 (281 S., 32,00 DM)
Marco Revelli: Die gesellschaftliche Linke, Münster (Westfälisches Dampfboot) 1999 (222 S., 48,00 DM)