Mythos und Risiko der Globalisierung

Antje Hellmann-Grobe

Vom Modewort zum Mythos Nach der Unternehmenskultur, der Qualitäts- und Kundenorientierung und der Lean-Welle hat sich der Slogan "Let's get global" derartig als Modethema in der wirtschaftlichen Diskussion etabliert, daß sich bereits erste Sättigungserscheinungen zeigen. Quasi parallel zur wirtschaftsinternen Debatte um globale Management-, Produktions-, Vertriebs- und Kommunikationsformen hat sich allerdings eine neue, gesellschaftliche Qualität des Themas entwickelt, die an Brisanz eher zunimmt. Denn keines der anderen Modethemen wurde auf gesellschaftlicher Ebene derartig mit Hoffnungen und Ängsten in Verbindung gebracht, oder wurde gar zum Symbol der politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzung, wie es jetzt bei der Globalisierung der Fall ist. Trotz der intensiven Medienberichterstattung, einer Flut von wissenschaftlichen Veröffentlichungen und nicht endenden Veranstaltungen blieb der Gegenstand des Interesses merkwürdig diffus. Für die einen ist das Bild einer näher zusammenrückenden Welt entstanden, deren ungeahnte und jetzt erreichbare Möglichkeiten den Sprung in eine neue Epoche bedeuten. Die anderen empfinden den Prozeß als bedrohliche Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten einer grenzenlosen Wirtschaft, bei der soziale und ökologische Interessen auf der Strecke bleiben. Die Auseinandersetzung um die Globalisierung wird dementsprechend hoch emotional und immer existentieller geführt.

Sprachlich findet diese Form der Auseinandersetzung ihren Niederschlag in Ausdrücken wie der "Religion des Sharehoder-Value", dem "Götzen Markt", dem "gehuldigt" wird, dem "Schreckgespenst" völlig losgelöster Finanzmärkte und "der unglaublichen Gewalt, die in den Händen dieses anonymen Gebildes" liegt. Die Gegenseite macht die "bedrohliche Kluft" zwischen wirtschaftlichen Fakten und mangelnder gesellschaftlicher Anpassungsleistung für die Arbeitslosenmisere verantwortlich. BDI-Präsident Olaf Henkel prophezeit die (Selbst-)Vernichtung des Standorts Deutschland, falls den Forderungen der Wirtschaft nicht Folge geleistet wird, und stellt den politischen Föderalismus als Hauptursache der schlechten Wettbewerbslage inzwischen schlicht zur Disposition. Nicht nur die Wissenschaft spricht deshalb von einer neuen Form des Fundamentalismus, der Konflikte in der Gesellschaft provoziert und verschärft.

Offensichtlich benutzen beide Seiten das vermeintliche Bedrohungspotential, das von dem Schlagwort Globalisierung ausgeht, um ihren Argumentationen entsprechenden Nachdruck zu verleihen. Wenn aber die Globalisierungs-Debatte in erster Linie benutzt wird, um die eigenen Interessen schneller und kompromißloser durchsetzen zu können, ist klar, warum vorerst niemand ein wirkliches Interesse an einer Annäherung oder der gemeinsamen Aushandlung von Lösungsschritten hat. Es liegt also durchaus im Interesse beider Seiten, das bedrohliche, kaum greifbare und dennoch jeden miteinbeziehende Moment der Globalisierung aufrechtzuerhalten. Die Globalisierung entwickelt sich damit zu einem Mythos, der in unserer Gesellschaft bestimmte Funktionen übernimmt. Sie zu klären hilft den Blick zu schärfen, was in der ansonsten nebulösen Diskussion eher verschleiert werden soll oder zumindest unbewußt ist.

Ein Mythos ist nämlich in der Definition der Mythentheorie eine symbolische Erzählung, die sich auf historische Ereignisse oder wichtige Zeitprobleme bezieht und durch ihre Art der Darstellung gleichzeitig Hinweise auf tieferliegende Sinnzusammenhänge gibt. Beschäftigen wir uns also zunächst mit den aktuellen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen, die in dem Stichwort Globalisierung zusammengefaßt werden und zeigen daran, warum sie sich ausgesprochen gut für einen modernen Mythos eignen.

Hintergründe

Extremes Abstraktionsniveau Die Statistiken weisen aus, daß die Globalisierung in erster Linie auf den Finanzmärkten stattfindet und nicht so sehr auf seiten der produzierenden Industrie, von der allenfalls 12 Prozent global arbeiten. Die "Volatilität" der Finanzmärkte, das heißt internationale Transaktionen, nehmen stetig zu, wobei der Kapitalverkehr zur Zeit noch keiner nationalen oder internationalen Besteuerung und Kontrolle unterliegt. Nur rund 5 Prozent der Umsätze aus dem Devisenhandel sind dabei auf realwirtschaftliche Beteiligungen und Investitionen zurückzuführen. Man kann also zu Recht von der Abkoppelung der Finanzwirtschaft von den Nationalökonomien sprechen - oder im Wissenschaftsjargon von der Entstofflichung oder Entmaterialisierung der Wirtschaft. Nur wenigen Eingeweihten ist die Eigendynamik dieses Systems zugänglich und noch begreifbar.

Für die produzierende Wirtschaft ist die Zergliederung ihrer Wertschöpfungskette eine der markantesten Folgeerscheinungen der Globalisierung. Es wird möglich - nach Effizienzkriterien ausgewählt -, Entwicklungen in Europa oder den USA, die Softwareunterstützung in Indien, die Fertigung in den asiatischen Staaten und die Verpackung in den jeweiligen Verkaufsmärkten zu organisieren. Die eigentliche Leistung besteht dann im internationalen und interkulturellen Management dieser immer komplexer werdenden Prozesse, deren Zusammenhänge nur noch einer kleinen Gruppe von Spitzenmanagern im einzelnen bekannt sind, die sie von den Konzernzentralen aus koordinieren.

Sowohl für die Finanzwirtschaft wie auch für die Industrie bedeutet dies, daß die Mehrheit der Betroffenen das Gefühl haben muß, von einer ihnen wenig vertrauten Macht gesteuert zu werden. Das Fremdheitsgefühl wird sicher durch die kulturellen Unterschiede, aber auch durch die Art der Kommunikation begünstigt, die Informationen weitgehend über Computernetzwerke weiterleitet. Die Globalisierung findet demnach in erster Linie in einer abstrakten, heute sagt man virtuellen Welt statt, die sich aufgrund ihrer Komplexität weder einfach begreifen (im wahrsten Sinne des Wortes) noch veranschaulichen läßt. Das Bedürfnis nach einer vereinfachten Darstellung wächst.

Verlust von nationalen Handlungsspielräumen Einer der interessantesten Aspekte der Globalisierung für die Wirtschaft ist die Wahlmöglichkeit der günstigsten Rahmenbedingungen für die einzelnen Bereiche der Wertschöpfungskette. Für die "Heimatstaaten" der Unternehmen ergeben sich daraus Probleme im fiskalischen und rechtlichen Zugriff. Der Wettbewerb der Rahmenordnungen zwischen den verschiedenen Ländern und Regionen hat inzwischen zu einem weitreichenden Rückzug oder zur Verdrängung der Staaten von bisheriger Steuerungsmacht geführt. Lohnnebenkosten, Besteuerung, Arbeitsrechts- oder Umweltschutzauflagen geraten zunehmend unter den Druck des Standortarguments. Die Regierungen versuchen mit Deregulierungen, Privatisierungen, Steuerentlastungen und guten Infrastrukturen "dem Markt" gerecht zu werden. Dies bedeutet aber auch, daß sich die Staaten zunehmend den Wirtschaftsakteuren und ihren Interessen ausliefern. Dahinter steht die Hoffnung, daß der Markt - der berühmten invisible Hand von Adam Smith gleich - Wohlstand für alle erzeugen wird. Es liegt jedoch in der Logik der globalisierten Wirtschaft, daß sie Unterschiede im Lohn- und Bildungsniveau gezielt sucht und staatlichen Umverteilungsmaßnahmen aus dem Weg geht. Die stärksten Marktteilnehmer erhalten die größten Gestaltungsfreiräume, was sich in den Konzentrationsbewegungen der letzten Monate deutlich widerspiegelt. Den Prinzipien einer sozialen Marktwirtschaft, die sich dem "gerechten" Ausgleich zwischen Starken und Schwachen verschrieben hat, kann und will sich die globalisierte Wirtschaft nicht unterordnen. Für sie gilt das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit, die den Leistungsstärksten auch am meisten belohnt.

Zumindest in den europäischen Nationen wird der Verlust staatlicher Handlungsspielräume und der Zuwachs wirtschaftlicher Macht äußerst kritisch beobachtet. Es entsteht ein neues Schema der Verantwortungszuweisung, eine neue Verteilung von Gut und Böse, bei der die Wirtschaft pauschal zum Gegner gemacht wird. Im Vergleich zu den übermächtigen anonymen Konzernen wirken die Nationalstaaten oder der Zusammenschluß "Europa" wie vertrautes Terrain. Das alte symbolische Spiel von Klein gegen Groß, von vermeintlich Mächtigen und Ohnmächtigen, von "David gegen Goliath" hat neue Akteure erhalten, deren Geschichten nun mit großem Interesse weitergesponnen werden.

Fixierung mangels Alternativen Daß weite Bereiche der Gesellschaft, wie Behörden, Kirchen, Umweltgruppen, Medien oder die Medizin, zunehmend nach wirtschaftlichen Kriterien strukturiert werden, gehört heute zu unserer Alltagserfahrung. Es scheint so, als wäre der Wirtschaftsliberalismus die einzig verbindende und gegenseitig anerkannte politische Konzeption unserer modernen Leistungsgesellschaft. Auch europaweit konnte sich keine ernsthafte gesellschaftlich-politische Gegenbewegung etablieren. Für die frisch gewählten Regierungen in England oder Frankreich, die als Opposition zum Neoliberalismus antraten, läßt sich keineswegs vorhersagen, daß ihre Politik von den wirtschaftsliberalen Grundlagen abweichen wird. Gleiches gilt wohl auch für die deutsche Opposition. Allen Gestaltungsvorschlägen, die sich nicht in dieses Raster einfügen lassen, wird wirtschaftsfeindlicher Idealismus vorgehalten, der in Zeiten des verschärften Wettbewerbs nur Nachteile bringe. Politisch begründete Alternativkonzepte haben gegenwärtig keinen Raum. Das Ergebnis ist, daß alle negativen Folgen der Globalisierung, wie die hohe Arbeitslosigkeit oder Fluktuation von Arbeit, der Verlust sozialstaatlicher Umverteilungselemente oder die vergrößerte Kluft zwischen Armen und Reichen, als unvermeidliche Sachzwänge des Systems verstanden werden. Sie sind eng verbunden mit dem Verlust von Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten des einzelnen in den globalisierten Unternehmen und der Nationalstaaten im Standortwettbewerb. Was folgt, ist eine tiefgreifende politische Resignation und Lethargie.

Zusammenfassend liefern zwei Ursachenfelder den Nährboden für den "Mythos Globalisierung": Auf der einen Seite die Ohnmachtsgefühle und Ängste, die von der Verkettung zwischen Abhängigkeit, fehlenden Handlungsmöglichkeiten und Alternativen ausgelöst werden - auf der anderen Seite die Unmöglichkeit, konkrete Verantwortliche und Schuldige ausfindig zu machen oder gar Lösungen anzubieten, solange man sich den Gesetzmäßigkeiten der Sachzwänge beugen muß. Aus systemtheoretischer Perspektive könnte man von einem sich selbst reproduzierenden System sprechen, das den Mythos zwangsweise immer weiter fortschreibt und zementiert.

Funktionen des Mythos

Ein Mythos ist eine Erzählung in Symbolen, die prinzipiell nach Interpretation verlangt. Ihr Geheimnis liegt in der Aufdeckung des verborgenen Sinns, der die Grenzen der Geschichte "transzendiert". Es scheint daher interessant, klassische Funktionen von Mythen zu untersuchen und zu überlegen, inwiefern sie für die Globalisierungsdebatte zutreffen.

Identitätsstiftung Im Mittelpunkt eines Mythos stehen Götter oder göttliche Wesen, die stellvertretend die Auseinandersetzung mit typischen Normen und Wertmustern der Gesellschaft führen. Ein Mythos ist von daher immer auch Abbild für das Wissen und die Moral in einer Gesellschaft.

Im Globalisierungsmythos übernimmt der Markt die Funktion der Gottheit, denn ihm wird eine umfassende Steuerungsmacht wie auch Allheilkräfte zugesprochen. Der Mythos steht dabei in engem Zusammenhang mit der "Religion" oder Ideologie - in diesem Fall des Wirtschaftsliberalismus - und zeigt seine typischen Wertmuster. Es fällt aber auf, daß der "Gott Markt" in der Globalisierungsdebatte durchaus doppelgesichtig angelegt ist. Der gleiche Gott, der die Rettung bringen soll und angebetet wird, stürzt auch ins Verderben, verbreitet Angst, Schrecken und Ungerechtigkeit. Der Gott wird zum janusköpfigen Götzen, der Menschenopfer verlangt.

Es ist bezeichnend, daß in einer Zeit des zunehmenden Individualismus, in dem für alle verbindliche soziale Verhaltensnormen und Wertmuster an Gültigkeit verlieren, ein neuer, gemeinsamer, starker Bezugspunkt entsteht. Wenn man davon ausgeht, daß in der Auseinandersetzung mit gemeinsamen Bezugspunkten - wie Herrschaftsstrukturen und Göttern oder Religionen - sich die Identität einer kulturellen Gemeinschaft formt, wird deutlich, welch wichtige Funktion der Mythos Globalisierung mit übernehmen kann. Die identitätsstiftende Wirkung wird in diesem Fall noch dadurch verstärkt, daß die Nationalstaaten und Großregionen wie Europa selbst zu Akteuren oder Helden werden, die gegen oder für den übermächtigen Gott/Herrscher beziehungsweise den globalen Markt kämpfen. Es wird ganz nebenbei ein neues Wir-Gefühl erzeugt. Gerade in Zusammenhang mit der Globalisierung wird aber deshalb auch vor neuen Nationalismen und Abgrenzungsmechanismen gewarnt, die Zündstoffe für internationale Konflikte bedeuten können.

Neben dem neuen Gemeinschaftgefühl bietet die Auseinandersetzung mit dem Mythos gleichzeitig die Möglichkeit, sich innerhalb der Nationen zu positionieren. Denn die Argumentation für oder gegen die Globalisierung sagt inzwischen fast mehr über den politischen Standpunkt des einzelnen aus, als das Bekenntnis zu einem Parteibuch. Nicht nur Nationen, sondern auch Gruppen jeglicher Zugehörigkeit können sich des diffusen Feindes von außen bedienen, um ihren Zusammenhalt zu stärken.

Vereinfachung Die Überhöhung des Marktes zum sich selbst (er-)zeugenden anonymen System mit allumfassender Steuerungsgewalt für jeden Teilbereich der Gesellschaft verbirgt noch zwei weitere wichtige Funktionen: Es geht zum einen um die Reduktion hochkomplexer Prozesse und Beziehungen zwischen Anbietern und Käufern, Bedürfnissen und deren Befriedigung, Wirtschaft und Gesellschaft auf einen Bergriff. "Der Markt" ist damit eine Vereinfachung, mit der ein komplexer Sachverhalt quasi personifiziert werden kann. Dieses macht Alltagsverständigung in Pauschalitäten erheblich leichter.

Entlastung Zum anderen hat diese "anonyme Personifizierung" einen erheblichen Entlastungscharakter. Denn immer dann, wenn auf die Kraft des Marktes vertraut wird, werden differenzierte politische Konzepte, die sogar unpopulär sein könnten, unwichtiger. Der Druck des weltweiten Wettbewerbs, den der Globalisierungsmythos vermittelt, verkürzt mühsame und riskante Aushandlungsprozesse über gesellschaftliche Ziele zugunsten der wirtschaftlichen Logik. Und immer dann, wenn der einzelne sich dem Sachzwang ergibt, ist er nicht mehr verantwortlich zu machen für die eigenen Taten oder Versäumnisse. Dabei ist es hilfreich, daß Mythen von göttlichen Dingen berichten, die keines Beweises bedürfen, sondern sozusagen gegeben oder "offenbart" wurden. Es sollte daher nicht verwundern, daß die Frage nach dem Sinn der Globalisierung oder einer Begründung des Wirtschaftens mit den jetzt schon sichtbaren, negativen Folgeerscheinungen so selten gestellt wird.

Legitimation Das permanente Verweisen der wirtschaftlichen Akteure auf die Globalisierung, insbesondere auf das Standortargument, wenn es um den Abbau von Arbeitsplätzen geht, legt die Vermutung nahe, der Globalisierungsmythos könnte zur Klasse der Legitimationsmythen gehören. Historisch betrachtet bildeten sich solche Legitimationsmythen "zugunsten herrschender Institutionen" und gesellschaftlicher Normen, die nicht unangefochten waren.

Vom Mythos zum Risiko: Polarisierung zwischen Wirtschaft und Moral

Die Historiker haben gezeigt, daß sich Mythen in bestimmten Kulturepochen bilden - und zwar immer dann, wenn die Menschen beginnen, ihre Selbstbestimmung gegenüber den Göttern zu proklamieren. Glaubt man der Mythentheorie, dann bleibt die Kultursituation aber labil, solange der unhinterfragte Glaube - etwa an den alles regelnden Markt - brüchig wird, und der Mythos als unbefriedigender Ersatz zu wenig Sicherheit gibt. In einer nächsten Phase beginnt dann die kritische - sei es durch Polemik oder Deutung geprägte - Auseinandersetzung mit dem Mythos. Der Mythos wird nun als unwahre und lächerliche Erzählung gesehen, der man dennoch lustvoll zuhört. Mythos wird dann als "Kampfbegriff" gegen den "kindischen und widervernünftigen" Glauben geführt, der etwa in der Zeit der Aufklärung als Werk habgieriger und machthungriger Priester enttarnt wurde - und, allgemeiner gesprochen, nur der Stabilisierung der Herrschenden diente. Ein Blick auf die Presseberichterstattung zum Thema Globalisierung legt die Vermutung nahe, daß wir uns bereits in der Phase des Kampfbegriffes befinden. Der Spiegel bezeichnete die US-Manager Goizueta und Welch sogar explizit als "Hohepriester der Shareholder-Value-Sekte". Das Problem ist nun aber, daß im Gegensatz zum Zeitalter der Aufklärung vorerst keine Idee des wahren und guten Menschseins den Mythos ablöst. Dem Mythos des wohlstandsbringenden, weil effizienzorientierten Marktes steht der des Arbeitsplatzvernichters, der zur Verarmung der Gesellschaft führt, entgegen.

Die im Mythos bereits angelegte Polarisierung der Gesellschaft wird also nicht aufgehoben, sondern, mit medienwirksamen Gruseleffekten garniert, eher noch gedoppelt. Zieht man die eingangs bereits erwähnte Verschärfung der Auseinandersetzung mit ein, fragt man sich zu Recht, was nach Worten wie dem "Vernichtungsfeldzug gegen Arbeitsplätze", dem "Kampf ums wirtschaftliche Überleben" oder dem "Erreichen der Schmerzgrenze" um "fünf vor zwölf im Standort Deutschland" noch gesagt werden kann. Die Polarisierung der Gesellschaft und die zunehmende sprachliche Gewalt werden zu einem Risikopotential im klassischen Sinne, die ein Umschlagen der beschriebenen Ohnmachtsgefühle und Ängste in Aggressionen geradezu herausfordert. So muß man sich fragen, ob sich sowohl die Exponenten der jeweiligen Lager in ihren Reden, als auch die Medienschaffenden in der täglichen Fortschreibung des Mythos, der Gewalt ihrer Worte bewußt sind.

Die Globalisierung eröffnet genaugenommen zwei Dimensionen des sozialen Risikos: Erstens geht es um die Polarisierung zwischen Entscheidern in der Wirtschaft und Betroffenen. Während die einen Umstrukturierungen als dringend notwendige Chance zur Wettbewerbsfähigkeit und Effizienzsteigerung begreifen, werden von einem Großteil der Betroffenen primär die Gefahren des Verlustes von sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit gesehen. Es geht hierbei also um die Risiken der Entscheidungsfolgen wirtschaftlichen Handelns. Zweitens besteht ein weiteres Risikofeld im Prozeß der Auseinandersetzung um die Globalisierung, indem etwa Medienschaffende, Politiker oder Interessenvertreter den Mythos als Chance zur Profilierung begreifen. Die Gegenseite fürchtet zu Recht die Gefahr der politischen Polarisierung, steigender Gewaltbereitschaft oder Resignation. Diese Dimension meint also Polarisierungen, in denen die politisch motivierte Alltags- oder Risiko-Kommunikation selbst zum Risiko wird. Für beide Dimensionen gilt, daß zwischen den Seiten ein konstruktiver Dialog über die Hintergründe der erzeugten Risiken, über gemeinsame mögliche Aufgabenstellungen und Lösungsansätze oder vielleicht auch nur ein differenzierterer Austausch der Meinungen und Standpunkte offensichtlich nicht stattfindet.

Beide Seiten verhalten sich im Prinzip nach dem gleichen Verhaltensschema. Sie setzen ihren jeweiligen Standpunkt absolut und verstehen sich nicht als zwei Seiten einer Medaille, die es beide zu sehen gilt, um die Strukturprobleme der Gesellschaft anzugehen. Dabei braucht die Ökonomie die Einbindung in den moralischen Kontext der Gesellschaft mehr denn je, um politisch und sozial tragfähige Zukunftsentscheidungen zu treffen. Für die "Vertreter der Moral" eröffnen sich so riesige Arbeitsfelder bei der Neubestimmung von Sinn- und Wertmaßstäben wirtschaftlichen Handelns oder der Institutionalisierung von Dialogen.

Vom Mythos zum Dialog

Der Globalisierungsmythos verdeutlicht, daß sich die Wirtschaft aus der Perspektive der meisten Betroffenen weitgehend von den Bedürfnissen, Normen und Werten der Alltagswelt, in der wir leben, abgekoppelt hat. Die Darstellung der globalisierten Wirtschaft als eines verheißungsvollen, aber auch Opfer verlangenden Götzen zeigt, wie tiefgreifend die Loslösung wirtschaftlicher Entscheidungen und ihre sachzwangerzeugende Eigendynamik empfunden wird. Sie ist das veranschaulichte Gegenteil einer "lebensdienlichen" Wirtschaft. Dieses ist geschehen, obwohl wir alle als Arbeitende oder Konsumenten Teil der Wirtschaft sind. Es wird ein abstrakter, gesellschaftlicher Prügelknabe / Ungeheuer / Gott geformt, von dem wir genaugenommen ein Teil sind. Ein bißchen aufklärerisches Denken könnte also nicht schaden, um den Mythos zu überwinden und sich wieder einen Standpunkt zu erarbeiten, bei dem wir den Markt steuern und nicht umgekehrt. Letztlich geht es um nichts anderes als um das oft angemahnte Primat der Politik vor der Wirtschaft, um eine vernünftige Einbindung der entfesselten wirtschaftlichen Eigendynamik in den gesamtgesellschaftlichen Kontext. Was aber ist in diesem Zusammenhang vernünftig? Wir werden nicht umhinkommen, uns in bester aufklärerischer Manier mitten in einen Dialog darüber zu stürzen, was denn angesichts der modernen Bedingungen von Wirtschaft und Gesellschaft als vernünftig gelten kann und was nicht, welche Wertmaßstäbe unseren Entscheidungen zugrunde liegen sollen und welche Zukunftsideale wir für wünschbar halten. Und es müssen darüber hinaus Wege gefunden werden, wie die Ergebnisse eines solchen Dialoges in verbindliche Entscheidungen überführt werden können. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal, daß es insbesondere die Gefühle von Ohnmacht, mangelnden Handlungsmöglichkeiten und fehlenden Alternativen waren, die den Mythos erzeugen, müssen dann Wege aus der gegenwärtigen Gesellschaftssituation fast zwangsläufig mit mehr Differenzierungen gegen die Polarisierung, mehr Selbstbeteiligung und Einflußmöglichkeiten der einzelnen in politischen Entscheidungsprozessen zu tun haben.

Politik Für die Politik gibt es schon recht umfangreiche Anworten auf die Globalisierungsproblematik. Vordringlichste Bewegung ist die Stärkung der Großregionen wie Europa als Antwort auf eine globale Wirtschaft. Nur eine politisch starke europäische Union kann neue Rahmenbedingungen gegen einen ruinösen Wettbewerb setzen und einigermaßen faire und vergleichbare Standortfaktoren wenigstens innerhalb dieser Grenzen erzeugen. Eine ökologische Steuerreform, die Einführung einer Kapitalbesteuerung oder Mindeststandards für Umwelt und Arbeit lassen sich beispielsweise ohne europäische Rückendeckung gar nicht mehr durchsetzen und sind angesichts der neu entstandenen Mehrheiten keineswegs mehr nur rot-grüne Utopien. Das Problem bleiben jedoch die bürokratisch-starren Strukturen, die neuer demokratischer Legitimierung durch die europäischen Bürger dringend bedürfen, sollen hier nicht dieselben Ohnmachtsgefühle neuen Zündstoff für Aggressionen finden. Die Nationalstaaten verlieren dabei keineswegs ihre Bedeutung. Sie werden zum Garanten eines demokratischen Willensbildungsprozesses, in dem die einzelnen Ansprechpartner finden und in gestaffelten demokratischen Entscheidungsforen mitgestalten können. Ausgerechnet die europafeindliche Schweiz macht vor, wie lokale, regionale und landesweite/bundesweite Dialogforen bei demokratischen Entscheidungsfindungen ineinandergreifen können, und welche Wege zur Institutionalisierung von demokratischen Entscheidungen erfolgversprechend sind und welche nicht.

Wirtschaft Unternehmen wie Verbände werden damit leben müssen, daß ihr Mythos vom heilbringenden, ewiges Wachstum und Wohlstand erzeugenden Gesellschaftsmotor bereits bröckelt. Sie werden sich in Zukunft angesichts dramatischer Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt öfter vor die Frage nach der gesellschaftlichen Legitimität von Entscheidungen und Handlungsfolgen gestellt sehen. Logisch konsequent wäre die Empfehlung der Wirtschaftsethiker an die Unternehmen, sich rechtzeitig ihrer politischen Mitverantwortung zu stellen und nach Wegen zu suchen, ihre Handlungen besser in den gesellschaftlichen Wertekontext einzubetten. Das bedeutet zum einen ein ordnungspolitisches Engagement - was übrigens im kleinen als ethische Branchenabsprachen bereits praktiziert wird und das jetzt auch auf europäischer Ebene. Zum anderen geht es um eine dialogische Unternehmenspolitik, die auch diesen Namen verdient, also um Unternehmensdialoge, bei denen die Einbeziehung von Anspruchsgruppen in strategische Entscheidungsprozesse, gegenseitiges Lernen und Offenheit im Vordergrund stehen und nicht bessere Public Relations. Drittens betrifft das anfänglich beschriebene Ohnmachtsgefühl die Mitarbeiter von Unternehmen und weite Teile ihrer Entscheider selbst, die sich als Opfer der Sachzwänge verstehen. Auch hier müßten intern größere Mitentscheidungsmöglichkeiten und Transparenz geschaffen werden. Eine Forderung, die in Zeiten des schlanken Managements, der totalen Qualitäts- und Kundenorientierung selbstverständlich sein sollten es aber im konkret erlebbaren Alltag leider oft nicht ist.

Medien Die oben beschriebene Gewalt in der Sprache der Globalisierungsdebatte betrifft sicher alle Beteiligten gleichermaßen. Es scheint aber zur Zeit so, als ob die Medien, anstelle einer aufklärerischen Funktion, die die Überhöhung aus dem Thema nehmen könnte, sich vielmehr auf die umsatzträchtigere Polarisierungsfunktion konzentrieren würden. Sie sind im Grunde die Hauptgewinner des Globalisierungsthemas, die an der Diffusität, der Angst und dem damit verbundenen Grusel mit Leidenschaft und Ausdauer festhalten. Dabei würden sich hier viele Möglichkeiten ergeben, gerade differenzierteren Statements Raum zu geben oder als Plattform für neue, innovative Konzepte zu dienen. Es ist absolut nachzuvollziehen, daß die neuesten Trends der Berichterstattung nicht mehr auf Untergangsszenarien, Arbeitslosenkrise und Endzeitstimmung setzen, sondern Beispiele von unternehmerischem Pioniergeist junger innovativer Dienstleister sogar die Hauptnachrichten zieren. Vielleicht sind demnächst Ideenwettbewerbe oder Do-it-yourself-Shows für wirtschaftlich Ambitionierte als Abend-Shows auf den Mattscheiben zu bewundern. Talk-Shows der gröberen und der differenzierteren Art zu diesem Thema finden ja bereits statt.

Und jeder einzelne? Dialog zwischen allen gesellschaftlichen Anspruchsgruppen kann nur dann stattfinden, wenn es wirkliche Beteiligung gibt. Wie aber soll man sich das vorstellen in Zeiten der Politikverdrossenheit und des Cocoonings? Wer also gegen die Mythologisierung, die globale Wirtschaft und die unfähige Politik schimpft, sollte zunächst seine eigene Bereitschaft angesichts voller Terminkalender und anderer Prioritäten prüfen, selbst politisch-gesellschaftlich aktiv zu werden. Ein Umdenken fängt hier mit der Bereitschaft an, sich an angebotenen Dialogen zu beteiligen oder gar neue zu institutionalisieren. Inhaltlich bedeutet es für jeden, sich von den liebgewonnenen, herrlich einfachen Polarisierungen zu trennen und Kraft und Geduld für mehr Differenzierungen aufzubringen.

Literatur

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