Dubrovnik und Vukovar, acht Jahre nach den Angriffen und vor den bevorstehenden Wahlen. Ist Kroatien auf dem Weg zur Normalität, kann der Westen Lehren für seine Kosovo-Politik ziehen?
Sommer 99. Zum ersten Mal Dubrovnik1 nach dem Krieg. In der Altstadt glänzen die Straßen und Gebäude im goldenen Glanz der Juli-Sonne und rufen in mir alte Bilder hervor, die ich mir damals im November 1991 ausmalte, als ich die Reportage eines kroatischen Journalisten las, der zwei Wochen in der belagerten Stadt verbrachte. Es waren Bilder von leeren Straßen, denen der Regen – in meiner Einbildung – den charakteristischen silbernen Glanz gab. Das hat mit dem Stein zu tun. Der vom Menschen bearbeitete Stein, der durch vielfältige Berührung der Generationen durch Jahrhunderte seine unvergleichliche glatte Oberfläche bekam, übt eine große Faszination aus. Als wäre in dem Glanz des glatten Steins eine komprimierte Geschichte der Menschheit geschrieben, die sich kraft der Natur widerspiegelt. Die Bilder von Dubrovnik sind archetypisch, und deshalb besetzen sie so nachhaltig die Erinnerung und die Einbildungskraft. Diese reicht nicht aus, sich den Knall der Bomben, Donner der Granaten und die Angst der Menschen vor und nach dem Beschuß der alten riesigen Mauer auszumalen. Der glänzende Stein, der mittelalterliche Trotz der gewaltigen Festung und die Eleganz der Renaissanceformen vieler Gebäuden helfen mit all ihrer Schönheit, auch die Zeit der Bedrohung zu erinnern – die Zeit des vergessenen Krieges gegen Dubrovnik.
Vielleicht ist Vergessen das falsche Wort – denn eher stimmt wohl, daß die Aggression gegen Dubrovnik nicht recht wahrgenommen wurde, obwohl Bilder von seiner Zerstörung durch Geschosse der Jugoslawischen Volksarmee in jenem Herbst 1991 auf den Titelseiten aller Zeitungen der Welt prangerten. Auch wenn es in manchem Ohr übertrieben klingen mag: Wäre die Barbarei des Krieges gegen Dubrovnik damals wahrgenommen und das immanente und dennoch evidente Gefährdungspotential begriffen worden – mit der Konsequenz einer sofortigen Eindämmung der Gefahren aus der kriegstreibenden Quelle –, wären wahrscheinlich auch die späteren Kriege verhindert worden. Gerade auch die Aggression gegen Dubrovnik war archetypisch für eine Gewalt, die bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen.
In gewissem Sinne dauert der Krieg in Dubrovnik noch heute an. Bis heute leidet die Stadt unter ihrer Isolation. Zwar fliegen Flugzeuge wieder nach Dubrovnik, der Flughafen ist wieder aufgebaut – klein aber fein –, es kommen Busse und Schiffe an, und die meisten Hotels sind renoviert. Die traditionsreichen Sommerspiele, bei denen Theaterstücke im Freien aufgeführt werden, finden statt und gerade erfreut sich die Aufführung des "eingebildeten Kranken" von Molière in einer ragusanischen Version aus dem 18. Jahrhundert unter der Regie des bekannten tschechischen Regiesseurs Jiri Menzel, ungeteilter Begeisterung des Publikums und der Kritik.
Das ganz auf den Fremdenverkehr angewiesene Wirtschaftsleben vollzieht sich so, als würde sich Frankfurt am Main mit seinem Flughafen seit Jahren mit einem Verkehrsaufkommen von Saarbrücken begnügen müssen. Deshalb herrscht im schönen Hotel Lero, wo die Zimmer auf Hochglanz geputzt und den westeuropäischen Standards entsprechender Kategorie vergleichbar eingerichtet sind, gähnende Leere und man spürt den drohenden Ruin hinter dieser annehmlichen Oberfläche.
Die Menschen in Dubrovnik haben die wirtschaftliche Substanz aufgezehrt, und der Krieg im Kosovo wird zum finalen Todesstoß. Diese Misere mischt sich noch mit der kroatischen innenpolitischen Malaise. Vor einem Jahr begann mit den öffentlich gewordenen Machenschaften der HDZ-Politiker in der örtlichen "Dubrovacka banka" die berüchtigte Bankenaffäre mit zahlreichen Folgen, inclusive Verschleierungen und Vertuschungen von Verantwortlichkeiten. Seitdem wächst spürbar die Unzufriedenheit der Bürger mit dem Tudjmanschen Regime. In Dubrovnik ließ die Antwort der Wähler bei den vorzeitigen Wahlen Ende vorigen Jahres nichts zu deuteln übrig: sie wurden von der oppositionellen SDP (die reformkommunistische Partei des Demokratischen Wandels) mit überwältigender Mehrheit gewonnen.
Die bevorstehenden Wahlen
In Kroatien herrscht schon seit einigen Monaten Wahlkampf, obwohl noch immer nicht feststeht, wann und nach welchem Wahlgesetz das zukünftige Abgeordnetenhaus gewählt wird. Meinungsumfragen zufolge schneidet die regierende HDZ in der Gunst der Wähler immer schlechter ab. Mittlerweile glaubt jedermann an den Sieg der Opposition. Darüber sprach ich mit Ivo Banac, dem Historiker aus Yale, gebürtiger Dubrovniker und engagierter kroatischer Oppositioneller. Wir diskutierten über die verbreitete Meinung, die kroatische Gesellschaft sei zutiefst zwischen zwei ideologischen Polen gespalten, die grob die alten Fronten aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges widerspiegeln. Das bedarf einiger Erläuterungen:
Die Parteienlandschaft entspricht nur in etwa dieser Spaltung in "Partisanen" und "Ustaschas", die unter der Dominanz der unterschiedlichen familiären Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg entstanden war. Die Partei Franjo Tudjmans, die Kroatische Demokratische Gemeinschaft (HDZ), ist noch immer eine Art Sammelbewegung geblieben, in der trotz der dominanten rechten Tendenz auch Raum für die Partisanen-Fraktion vorhanden ist, obwohl einige prominente Parteigründer, die wie Tudjman selbst dem antifaschistischen Widerstand angehörten, die Partei verlassen haben. Die eigentliche Besonderheit Kroatiens ist die starke Tradition des antifaschistischen Widerstands, der in manchen Gebieten Kroatiens geradezu eine Massenbewegung (wenn auch nicht nur der Kroaten, sondern auch der kroatischen Serben) war und nach der ideologischen Entthronung als (familiäre) Erinnerung (aber auch in manchen Organisationen und in Form von öffentlichem Protest) weiterlebt. Daraus ergibt sich, daß alle – nicht nur die eigentlichen Ustaschas (von denen immer behauptet wird, es seien nur wenige gewesen) –, die nicht im Widerstand, sondern qua Wehrpflichtige (Domobrani) an der Seite des berüchtigten "Kroatischen Staates" während des Zweiten Weltkrieges waren, zum eigentlichen "Ustascha-Lager" gerechnet werden. Das hat freilich nicht nur und nicht einmal in erster Linie mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun, sondern mit jener Vergangenheit, die danach kam und Jahrzehnte kommunistischer Diktatur bedeutete.
Kürzlich wies Banac in einem Artikel auf das kritiklose Verhalten gegenüber dieser Vergangenheit in manchen oppositionellen Medien hin. Sie wird in Kroatien in der Tat kaum thematisiert, wenn man von durchsichtigen ideologischen Mixturen des kroatischen Präsidenten und grobschlächtigen Abrechnungen aus der rechten Ecke absieht, die allesamt mehr verschleiern als problematisieren. Die eigentliche Rechte ist in Kroatien eine marginale Größe, die aber in der Öffentlichkeit frappierend überrepräsentiert wird. So veröffentlichen die regierungsnahen Zeitungen Beiträge und Leserbriefe, die man hierzulande nur in der Nationalzeitung lesen könnte. Nicht nur verbale, sondern auch Gewaltexzesse rechter Splittergruppen können bisweilen mit Wohlwollen des Regimes rechnen. Bei der traditionellen Versammlung der Linken am "Tag der Befreiung" (Mai 1945) am ehemaligen – inzwischen umbenannten – Platz der antifaschistischen Opfer kam es zu einer von einem rechten Grüppchen entfachten Prügelei, bei der die Polizei teilnahmslos zuschaute. Die bizzarste Erscheinung aber ist der jüdische Judenhasser Mladen Schwartz, der durch seinen freien Zugang zu den Medien auch im Fernsehen antisemitische Tiraden und Elogen auf den Ustascha-Staat und seinen Führer Ante Pavelic verbreiten kann und heute den angeklagten Leiter des berüchtigten Lagers Jasenovac, Dinko Sakic, zum Held und Opfer des "Weltjudentums" hochstilisiert. Die ausländischen Beobachter in Kroatien glänzen dabei oft durch fehlende Kenntnisse: So hat etwa selbst der berühmte Christian Amanpour von CNN in einem Beitrag über den Sakic-Prozeß sich des antifaschistisch inspirierten Titelbildes der kroatischen Ausgabe von Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus (aus den siebziger Jahren) mit einer Swastika-Montage als Illustration für die Präsenz der Nazipropaganda in Kroatien bedient.
Die erwähnte Polarisierung entlang anachronistischer Werte rechter und noch stärkerer linker Tradition bildet anscheinend den Hintergrund für die schwache Ausbildung der politischen Mitte. Ein Widerspruch: Umfragen zufolge interessieren sich die Bürger Kroatiens wenig für ideologische Fragen.
Mit Blick auf den Ausgang der kommenden Parlamentswahlen ist Professor Banac skeptisch und führt den Sieg der SDP bei Kommunalwahlen auf die Wahlabstinenz der traditionellen HDZ-Wähler zurück, die allerdings leicht wieder mobilisert werden könnten. Bei den Oppositionspolitikern vermißt er eine klare Strategie und kritisiert ihre kurzsichtige Taktik, die alles der eigenen persönlichen Wiederwahl unterordnet. Darunter leiden Verhandlungen unter den Parteien, die sich seit geraumer Zeit in eine Allianz der Sechs (außer Sozialdemokraten die beiden Liberalen Parteien sowie Bauernpartei und zwei kleinere Parteien) geschlossen haben. Zwei bis drei Wochen nach unserem Gespräch bildeten aber die SDP und die Liberalen (HSLS) ein Wahlbündnis, das wahltaktisch eine gute Lösung zu sein scheint. Die Maximalisten, wie etwa Banac als deren prominenteste Stimme, die eine totale Niederlage der HDZ und eine "Neue Republik" anstreben, kritisieren dieses Vorgehen. Dennoch ist es ein Zeichen der politischen Reife, mit der man realistisch den Sieg in gegebenen Umständen plant, statt nach Maximalzielen zu greifen und so den möglichen Wahlerfolg der Opposition zu gefährden.
Es haben sich verschiedene Lobbys gebildet, die vor allem die Jung- und Erstwähler zum Urnengang animieren wollen. Die August-Umfragen lassen auf eine hohe Wahlbeteiligung schließen (über 74 %). Dabei würden 25 Prozent SDP, nur 17 Prozent die HDZ (11 % HSLS) wählen. Eine Koalition aus SDP und HSLS käme knapp unter 40 Prozent! Sogar die Koalition der anderen vier Parteien aus dem erwähnten Oppositionsbündnis käme auf über 20 Prozent, würde also besser abschneiden als mit jeweils eigenen Listen. Interessanterweise profitierten die rechten Splitterparteien, von denen die meisten Satelliten der HDZ sind, kaum von einer Koalition und blieben bei den traditionellen 5 Prozent der HSP (Kroatische Partei des Rechts) (nach Globus, 13.8.99).
Die unabhängigen Medien zählen zu den entschiedensten Opponenten von Tudman sowie der HDZ, und sie geben gleichsam das Tempo vor, indem sie schmutzige Tricks der HDZ-Politiker bloßstellen, zahlreiche Affären aufdecken und die Passivität der Oppositionspolitiker anprangern. Vor Monaten haben der Opposition nahestehende Experten einen vieldiskutierten Entwurf des künftigen Wahlgesetzes erarbeitet. Das Wahlgesetz, mit dem die HDZ die Parlamentswahlen 1995 gewonnen hatte, wurde dabei als mangelhaft beurteilt. Der eigentliche demokratische Skandal lag aber darin, daß 12 Mandate im Parlament für Vertreter der sogenannten Diaspora reserviert waren – für ein Wahlvolk, das weder zu kroatischen Steuerzahlern gehört noch präzisierbar ist. Die meisten dieser Wähler waren Besitzer der kroatischen Doppelstaatsbürgerschaft aus Bosnien-Herzegowina und klare HDZ-Wähler. Um ein solches Mandat zu erringen, genügten einige tausend Stimmen, während etwa in Istrien für das Mandat eines Abgeordneten aus der regionalen istrischen Partei (IDS) rund 60.000 Stimmen benötigt wurden. Kernpunkt des alternativen Vorschlags war deshalb, alle mit diesen "Diaspora"-Mandaten verknüpften Regelungen aufzuheben. Allgemein wurde aber die Frage vernachlässigt, wie die kroatischen Staatsbürger serbischer Nationalität außerhalb des Landes zu behandeln sind. Die Wochenzeitung Globus machte eine kleine (vielleicht nicht repräsentative, aber womöglich indikative) Umfrage unter dieser Wahlgruppe: Bei den wenigen an Wahlen überhaupt interessierten Serben stand die winzige, regionale, linksorientierte Partei der Dalmatinischen Aktion (DA) im Juli am höchsten in der Gunst der Wähler.
Mittlerweile ist das alte Wahlgesetz auch für die Führung der HDZ zum Problem geworden, da sie nicht mehr mit der relativen Mehrheit der Stimmen rechnen kann und sich mehr Chancen bei reinen Verhältniswahlen ausrechnet. Besonders erpicht sind die HDZ-Wahlstrategen auf neue Wahlkreise, die sie für sich vorteilhaft zuschneiden wollen. Inzwischen hat sich auch das Ausland mit der Forderung nach einer einvernehmlichen Lösung eingemischt und diese zur Bedingung für eine Reihe von Verhandlungen mit Kroatien erklärt.2
Die Wahlen müssen spätestens bis Januar stattfinden. Daß der Termin noch immer nicht festegelegt ist, entspricht dem Kalkül der HDZ und Tudjmans. Schon machen Spekulationen die Runde, Tudjman möchte abwarten, bis der jetzige Präsident des Verfassungsgerichts, Jadranko Crnic, in den Ruhestand geht, da dieser sich seit Jahren Tudjmans Einmischungen widersetzt hatte, das Verfassungsgericht wiederum mit der Wahlprozedur beauftragt ist und sie mitunter wegen Unregelmäßigkeiten als ungültig erklären kann. Deshalb wolle Tudjman die Wahlen erst stattfinden lassen, wenn ein treuer Diener an der Spitze dieses höchsten Amtes im Staat ernannt wird. Manchmal neigen Tudjman-Opponenten zu arg wüsten Spekulationen.
Vukovar Mon Amour
Der erste Eindruck: Mehr Verwüstung kann es unmöglich an irgendeinem Ort der Kriege Milosevics geben. Den gewinnt man – ohne konkrete Vergleiche – am Zustand der Zerstörung, der sich von selbst als ein absoluter Maßstab festsetzt. Geradezu grotesk wirken die wenigen wieder aufgebauten Häuser mitten in Ruinen – so irreal wie die vielen Storchenfamilien, die in Schornsteinfragmenten ihre Nester bauen. Mein Stadtführer Zvonimir legt Wert darauf, daß ich mir genau merke, daß die meisten der Gebäude von der EU oder westlichen Staaten wieder aufgebaut werden. Für Zvonimir sind das klare Beweise dafür, daß die Regierung und der Minister für Wiederaufbau, Jure Radic, lügen, wenn sie die internationale Gemeinschaft kritisieren und behaupten, sie hätten nur 2 Prozent des Wiederaufbaus geleistet.
In Vukovar gibt es ein, vielleicht zwei Dutzend wieder aufgebaute Gebäude – eins, das nicht zerstört worden wäre, gibt es aber nicht. Man kann nur das Ausmaß der Zerstörung unterscheiden – so etwas wie "mittel" oder gar "leicht" beschädigt kommt nicht vor. Ich kannte die Stadt im ganzen Zustand gar nicht; der Anblick ist dennoch ein Schock, der sprachlos macht. Die barocken Kirchen, die Zeilen mit schmucken Pavilions, das berühmte neoklassizistische Gebäude, wo 1921 der erste Kongreß der KP Jugoslawiens tagte, das Gymnasium im gleichen Stil – alles bis zur Unkenntlichkeit von Granaten zerschossen. Auf den Straßen finden sich noch manche Blindgänger, die sich tief in den Beton hineingebohrt haben. Das Terrain von Vukovar ist hügeliger, als man es für eine pannonische Stadt zwischen Donau und dem Nebenfluß Vuka erwarten würde. Auf einem Hügel thront herrlich Schloß Elz mit weitem Blick auf die Donau – zerschossen. Ein Teil des imposanten Bauwerks ist renoviert. Es ist das Museum, in dem nur ein Gang und einige Bürozimmer wieder hergestellt sind. Darin sind Photos ausgestellt – von Vukovar, als es noch war. Außerdem ein paar leere Rahmen. Sie stehen für kostbare Gemälde aus der Sammlung von Anton Bauer, die von den Serben nach der Einnahme der Stadt gestohlen wurden.
Am Fuß eines solchen Hügels, auf dem oben die Kirche gerade renoviert wird, zeigt mir mein Führer die Schutzkeller, in denen die Bevölkerung drei Monate lang ausharrte. Wir fahren zum "Schwabenberg" (Svapsko brdo). Die meisten einst dort lebenden Volksdeutschen, die den Krieg und die Internierungslager überlebt hatten, verließen in den fünfziger Jahren ihre Heimat. Zvonimirs Geburtshaus steht an der Hauptkreuzung des Viertels. Was davon geblieben ist, zeugt davon, daß es ein stattliches Haus gewesen sein mußte. Als er zur Welt kam – 1942 – hieß die Adresse Adolf-Hitler-Straße. Früher schrieb man dies in seine Dokumente nicht hinein. Heute schon. Zvonimir ist ein Geschäftsmann und leitete eine Druckerei, Familienbesitz seit Anfang des Jahrhunderts. In Vukovar und Umgebung besaß er mehrere Häuser, eines hat er für seinen Sohn wieder aufgebaut. Er zeigt auf ein anderes Haus: Hier seien alle Familienmitglieder gefallen oder umgebracht worden. Es gibt niemanden, der dieses Haus wieder aufbauen könnte. Gegenwärtig versucht Zvonimir, seinen Betrieb wieder aufzubauen; die Produktion konnte er nur in marginalen Bereichen aufnehmen. Neue Druckmaschinen hätte er angeschafft und dafür etwa 30.000 DM Mehrwertsteuer bezahlen müssen. Er zeigt mir ein völlig zerstörtes Kaufhaus im Stadtzentrum: eine schwarze, gestaltlose Masse aus zerschmolzenem Kunststoff. Mit einigen anderen kleinen und mittleren Unternehmern versuchte er, von der Regierung diesen Rest unentgeltlich zu bekommen, um dort gemeinsam ein Einkaufszentrum aufzubauen. Die Regierung aber glaubt dieses Nichts verkaufen zu können, verwarf den Vorschlag.
Der Prozeß der Reintegration
Nach den Offensiven gegen die besetzten Gebiete im Westen Kroatiens im Sommer 1995 wurde beschlossen, daß dieses Gebiet im Osten auf friedlichem Wege Kroatien wieder eingegliedert und bis dahin unter eine verläufige internationale Verwaltung, genannt UNTAES (United Nations Transitional Administration for Eastern Slavonia, Baranja and Western Sirmium), gestellt werden soll, die dann den Übergang von Anfang 1996 bis Anfang 1998 vorbereitete. Zuvor fanden im April 1997 Kommunalwahlen statt. In Vukovar wurden sie knapp von der HDZ gewonnen. Die zweitstärkste Partei wurde die neugegründete Unabhängige Serbische Demokratische Partei (NDSS). Der kroatische Oberbürgermeister, Vladimir Stengl, konnte erst nach Monaten sein Amt in der Stadt selbst ausüben und vor kurzem nach Vukovar umziehen. Wichtig ist sicherlich, daß die Integration dieser Gebiete durch den Aufbau von Institutionen und lokaler, demokratisch legitimierter Ämter vollzogen wird. Vieles wurde während der Übergangszeit unter dem amerikanischen Verwalter Jacques Klein vorbereitet – vertrauensbildende Sonderregelungen bis zu Schulprogrammen. (Gerade jetzt sollte die Befreiung der Serben vom Wehrdienst in der Kroatischen Armee nach zwei Jahren nochmals verlängert werden.) Dennoch kehrt die vertriebene kroatische Bevölkerung nur zögerlich zurück. Die meisten sind in die früheren rein kroatischen Dörfer zurückgekehrt, soweit ihre Häuser wieder aufgebaut wurden. Am wenigsten kehren die Menschen nach Vukovar zurück. Heute sind die meisten Einwohner Serben – teils Vukovarer, teils Zugezogene aus anderen Gebieten Kroatiens. Während die kroatische Regierung ständig von verschiedenen internationalen Instanzen ermahnt und kritisiert wird, die Rückkehr der geflohenen Serben nicht zügig genug voranzutreiben, haben die Kroaten aus den fraglichen Regionen das Gefühl, von den ausländischen Vertretern diskriminiert zu sein. Das bezieht sich auf die mangelnde Bereitschaft, den Kroaten die Rückkehr zu erleichtern, aber auch auf die Verteilung der humanitären Hilfe, die vielen Berichten zufolge nur den Serben erteilt wird. Das konnte ich freilich nicht überprüfen – Tatsache aber ist, daß weder in den westlichen Medien noch in den zuständigen Gremien der EU je die schleppende Rückkehr der vertriebenen Kroaten, Ungarn und anderer Nicht-Serben problematisiert wurde, von jenen aus der bosnischen "Republika Srpska" gar nicht zu reden.
Vukovar ist der Ort absoluter Aussichtslosigkeit. Vor dem Krieg war es eine der reichsten Gemeinden in Jugoslawien, in der über dreißig verschiedene Ethnien lebten, arbeiteten, mit zahlreichen Betrieben und Fabriken für Prosperität sorgten. Heute wirkt es wie ein Mensch, der im Zenit seiner Lebenskraft einen bösartigen, unheilbaren Tumor bekommt.
Wir fahren noch nach Ovcara, dem Ort, an dem mehr als 200 gefangene Vukovarer hingerichtet wurden. Das Gelände war früher eine riesige Farm, spezialisiert auf Schweinezucht. In einem Gebäude wurden die Gefangenen vor der Massenexekution drei Tage lang verhört und gefoltert. Direkt neben der Hinrichtungsstelle steht jetzt ein Denkmal, errichtet von dem Verein der Veteranen des kroatischen Krieges. An einem Hügel am Stadtrand wurde außerdem ein Friedhof für etwa 3.000 Gefallene angelegt. In der weiteren Umgebung von Vukovar zeigt mir Zvonimir, der selbst zu den Verteidigern – "wir verteidigten unsere Familien und unsere Häuser, das hatte nichts mit Politik oder Nationalismus zu tun" – gehörte, die wichtigsten Frontabschnitte. Als Anfang November 1991 die Front beim Dorf Marinci – etwa zehn Kilometer westlich von Vukovar im flachen Ackerland – fiel, gab es eigentlich keine Rettung mehr. Wo das Auge reicht, nur Maisfelder. Dieses Gelände ist nur durch Panzer und Luftwaffe zu schützen. Nichts davon hatte Kroatien. Der Anblick auf diese Maisfelder erledigt alle Spekulationen über angeblichen Verrat Tudjmans an Vukovar. Hartnäckig hält sich dennoch die Legende, Tudjman hätte Vukovar geopfert, um die internationale Anerkennung Kroatiens zu erreichen. Diese Spekulation ist überflüssig. Es war vielmehr die Position des Westens, bewaffneten Widerstand der Kroaten nicht für wünschenswert zu halten. Hier zeigte auch der postmoderne Humanitarismus zum ersten Mal sein Janusgesicht: Hilfsorganisationen wie IRK und Médecines sans frontières setzten Tudjman unter Druck, Vukovar zu zwingen, sie mit Hilfsgütern in die Stadt einzulassen, obwohl absehbar war, daß im Schlepptau der LKWs auch die Panzer der Jugoslawischen Volksarmee (JVA) in die Stadt eindringen würden. Genauso kam es dann auch. Die Mitarbeiter des IRK verkündeten damals stolz, sie hätten das Wort der JVA-Offiziere, daß sie als erste in das Krankenhaus von Vukovar hineingehen und Menschen dort beschützen dürften. Natürlich ließ die JVA sie nicht hinein und nahm die Kranken, Verwundeten und dort Schutzsuchenden gefangen, um sie später bei Ovcara zu töten, während die IRK-Mitarbeiter noch vor dem Gebäude standen. Bis heute haben sich diese Helfer dazu in der Öffentlichkeit nicht geäußert. Ich frage Zvonimir nach der Stelle, wo die Tschetniks in die Stadt einmarschiert waren. Diese Szene – aufgenommen von BBC oder CNN-Reportern – ging damals um die Welt. Es ist eine Kreuzung, die noch heute von gänzlich zerstörten Häusern umsäumt ist. Da kamen sie und sangen "Slobo, gib uns Salat zum Schlachten von Kroat'" berichtet er. Die Humanisten in den Fernsehstationen der Welt blendeten den kannibalischen Text aus. An dieser Kreuzung ist er irgendwie noch zu hören.
In Vukovar, im ganzen traurigen Slawonien, erkennt man Züge eines Problems, das heute auch in Kosovo existiert. Milosevic und die Serben haben ihre unvorstellbar grausamen Kriege verloren. Von selbsterklärten Herrenmenschen und Peinigern werden Serben nach der Niederlage zu einer Minderheit, um so mehr – im faktischen Sinne –, als die meisten mit der geschlagenen Soldateska abziehen und nur die Schwächsten zurückbleiben. Die besonderen Regelungen in Ostslawonien haben den massenhaften Exodus der Serben verhindert. Auch in Kosovo gibt es den Willen, den Exodus der Serben zu stoppen. Im Vergleich dazu scheint Ostslawonien ein größerer Erfolg zu sein als Kosovo unter der KFOR. Seit bald zwei Jahren ist dieses Gebiet integraler Teil der kroatischen Staatsordnung: Es haben keine Massenmorde aus Rache stattgefunden, keine Zerstörungen von orthodoxen Kirchen, die es übrigens auch nach dem Entsatz der Gebiete im Westen, der "Krajina", nicht gab, die einige Wochen Freizone für Raub und Mord war.
Im Dorf Laslovo, westlich von Vukovar, haben die Serben 1991 alle Bewohner vertrieben, viele umgebracht und so gut wie alles zerstört. Auch die katholische Kirche. Auf deren Grund begannen sie mit dem Bau einer orthodoxen Kirche. Der Patriarch Pavle kam damals, um das Grundstück zu weihen. Sogar dieses Betonmonstrum steht noch. Die katholische Kirche wird nun auf einem anderen Platz errichtet (ich nehme an, daß dieses mit Forderungen der westlichen Instanzen zu tun hat). Diese Absurdität ist ein Sinnbild. Diese – übrigens unvollendete – Kirche ist materialisiertes Verbrechen. Wenn sie gleichsam unter dem Schutz des Westens steht, dann freilich nicht im Sinne des Mahnmals. Aber in welchem Sinne denn dann? Dort gibt es keine orthodoxen Gläubigen und auch keine Geistlichen. Das ganze ist eher ein Symbol für den Vorrang von Prinzipien in westlichen Vorstellungen beim Umgang mit kulturellen und politischen Friktionen und der daraus folgenden moralischen Konfusion.
Dies alles zeigt auch, daß es keine einfache Lösungen gibt. Wenn die friedliche Integration in Ostslawonien als bislang einzig erfolgreicher Versuch gegen die ethnische Spirale der Gewalt dasteht, dann doch zu dem Preis, daß die ursprüngliche Bevölkerung, die die Gegend vielleicht hätte wieder aufbauen können, kaum zurückkehrt. Ohne zumindest einen Hauch von Gerechtigkeit wird sich an dieser Situation auch nichts ändern. In den Augen der internationalen Organisationen scheint Gerechtigkeit nicht nur vernachlässigbar, sondern eher störend. Hier wurde von der UNTAES und später der OESZ zusammen mit der kroatischen Regierung geschafft, was der KFOR im Kosovo noch nicht gelingt: die Serben als eine zu schützende Minderheit zu behandeln und für ihr Bleiben zu sorgen. Da gibt es freilich keinen Raum für die störende Frage, wie sich denn diejenigen, die massenhaft Täter waren, auf einmal im Status einer zu schützenden Minderheit finden können. Für die internationale Gemeinschaft gibt es die Täter, wenn Tausende von Zeugenaussagen, Satellitenbilder ausgewertet, Opfer aus den Massengräbern forensisch untersucht und identifiziert sind. Also Großtäter. Das ist natürlich auch für die rechtliche Verfolgung wichtig. Bloß in den kleinen Verhältnissen der betroffenen Regionen kennt man die Täter – jene, die im Falle von schweren Verbrechen mit schwer aussprechbaren Namen in Akten der englischen oder französischen Untersuchungsrichtern vorkommen –, vor allem aber die kleineren Chargen, die Mitläufer, die meistens Nachbarn ihrer früheren Opfer sind und bloß die Uniformen mit der Zivilkleidung getauscht haben. Ein Hügel im Außenbezirk von Vukovar heißt Petrova Gora. Dort stehen die Häuser; einige sind frisch gestrichen, es sind keine Spuren von größerer Zerstörung zu sehen. Kleinere gibt es an manchen Häusern schon: Einschußlöcher. Das Leben dort erscheint irgendwie normaler als im gespenstischen Ambiente, das wir bislang durchfahren haben. Es ist ein serbischer Vorort. Dort verlief 1991 die Front. Und auf der anderen Seite – im Tal und am Fuß des gegenüberliegenden Hügels – ist noch immer alles zerstört geblieben. In dem Örtchen gibt es auch Zerstörung: Es sind die wenigen Häuser früherer kroatischer Familien, die gesprengt wurden. Diesen Anblick kenne ich von früher – aus mehrheitlich kroatischen Dörfern, wo serbische Häuser gesprengt wurden. Doch in der ganzen Konstellation und im Jahr 1999 wirkt die "Normalität" dieses Dorfes, in dem seit acht Jahren Löcher der gesprengten Häuser gähnen, noch ekelhafter. Das Nebeneinander von solchen Orten, aus denen geschossen wurde, und jenen zerschossenen, wirft fundamentalere Fragen auf, als der Westen bereit ist, zu hören. Der junge kosovo-albanische Schriftsteller und Journalist Bekë Cufaj ließ in dem Reisebericht durch seine zerstörte Heimat den mitreisenden Freund in Anspielung an Dostojewskis Schuld und Sühne am russischen Kontrollpunkt bei Malisheva zu Wort kommen: "Auch hier habe es viel Schuld gegeben, aber mit Sühne sei wohl kaum zu rechnen" (FAZ, 3.8.99).
Von außen können serbische Ärzte, Hochschullehrer, Angestellte verschiedener Behörden, die zehn Jahre lang an der Drangsalisierung, Erniedrigung und Repression der Albaner aktiv teilgenommen haben, a priori als unschuldig erscheinen und nach der Wende eine zu schützende Minderheit geworden sein. Wenn das aus der Innenperspektive anders ist – wo man eher nach wenigen wirklich Unschuldigen suchen kann, die es meiner Vermutung nach am ehesten unter den alteingesessenen serbischen Bauern gibt, die jetzt Opfer unsinniger Racheakte werden –, dann handelt es sich nicht einfach um eine ethnische Einseitigkeit, sondern um eine mangelnde Genauigkeit der Erfahrung und Wahrnehmung, die man von außen auch gar nicht wahrhaben will.
Die Gerechtigkeit: Wenige serbische Politiker in Kroatien waren – wie der Stadtverordnete von Beli Manastir, der Hauptstadt der Region Baranja, und Vorsitzende der SDSS, Vojislav Stanimirovic – bereit, zumindest karg zuzugeben, daß sie anfangs, als sie sich dem Milosevic-Projekt angeschlossen hatten, einen falschen Weg gegangen waren. Gegenwärtig könnte Beli Manastir mit seiner mehrheitlich serbischen Stadtverwaltung vielleicht als eine Stadt der gelungenen demokratischen Transformation firmieren – intern in irgendwelchen OSZE-Akten. Die Berichterstatter in westlichen Medien scheinen aber kein Beli Manastir zu kennen – die Stadt würde nicht in das Bild von Kroatien hineinpassen, das sie verbreiten. Es gibt somit niemanden, der erzählen könnte, wie jetzt auf bürokratischem Wege womöglich jenes Unrecht verewigt wird, das sich 1991 mit Gewalt Bahn gebrochen hatte. In Beli Manastir vertrieb eine serbische Clique die 1990 legitim gewählte Regierung (der Reformkommunisten) und riß die Macht an sich, die nichtserbische Bevölkerung wurde vertrieben oder entrechtet: Meistens wurden die noch verbliebenen Hausbesitzer in Schuppen oder andere Nebengebäude ihrer Anwesen vertrieben und aus den Betrieben verjagt; in der Regel mußten sie eine Bescheinigung unterschreiben, daß sie ihr Eigentum freiwillig abgeben. Es ist mir kein einziger Bericht darüber bekannt, was seit der UN-Verwaltung beziehungsweise unter der neuen Stadtregierung – alles in allem sind vier Jahre vergangen – mit der Wiedergutmachung dort geschieht. Eine Bekannte aber, eine ungarischstämmige Kroatin, erzählte mir von ihrer Verwandten aus Beli Manastir, deren Familienhaus so enteignet wurde. Dort wohnt noch immer ein serbischer Rechtsanwalt, der sich das Haus widerrechtlich angeeignet hat und den ursprünglichen Eigentümern heute verwehrt, ihren Besitz wiederzuerlangen. Ein Beispiel, unklar wie typisch. Doch das Muster des westlichen Verhaltens – ob es abwiegelt oder aus sicherer Entfernung durch Bombardierung bestraft – hat klare Konturen bekommen. Sein Wesen ist, dem Wesen des Problems auszuweichen und die Folgen technisch handhabbar zu machen. Wenn dies nicht funktioniert, dann wird die Schuld an die unmittelbar Involvierten verschoben. Gegenwärtig wetteifern Medien, Menschenrechts- und andere humanitäre sowie UN-Organisationen in Beschuldigungen an die Adresse der Kosovo-Albaner. Anders Sonja Bisersko, Vorsitzende des serbischen Menschenrechtskomitees: Ihr zufolge ist dem Exodus der serbischen Kosovaren ihre Instrumentalisierung durch Belgrad in den letzten fünfzehn Jahren vorausgegangen, wobei viele Mitläufer des repressiven Regimes waren und "sich auf Kosten der Albaner bereicherten und albanische Häuser plünderten und niederbrannten".3
Daß im Kosovo Morde und Willkürakte aller Art en masse gegen die Serben möglich wurden, hat in erster Linie mit dem Institutionen- und Rechtsvakuum zu tun. Das läßt sich sehr einfach schildern: Vor einem Jahrzehnt haben die Serben alle Institutionen in ihre national-politischen Herrschaftsinstrumente verwandelt, haben konkret die albanischen Polizisten entlassen, die nunmehr als Ordnungkraft auch zum Schutz der Serben fehlen. Ähnlich war die Situation in der Gegend von Knin, in der von Serben proklamierten "Krajina". Doch ließ sich dort zügiger eine elementare Ordnung herstellen. In den drei Monaten nach der Wiedereroberung wurden dem Kroatischen Helsinki Komitee (HHO) zufolge 410 Menschen ermordet. Aber schon in dieser Zeit begannen viele Institutionen des kroatischen Staates zu funktionieren: Polizei und Beauftragte der Regierung begannen, für die Ordnung im verödeten Gebiet zu sorgen. Ämter wurden eröffnet, wo persönliche Dokumente ausgegeben wurden, in der Folge auch Rente oder Sozialhilfe; etwas verspätet begann die Einschulung et cetera. In den zurückliegenden vier Jahren konnte aber wirtschaftlich nichts bewegt werden. Durch Verarmung und Perspektivlosigkeit verstärken sich ohnehin massiv die Probleme. In verlassenen serbischen Häuser wurden vertriebene Kroaten aus Bosnien-Herzegowina (vor allem aus der Gegend um Banja Luka) angesiedelt. Mehrere Quellen bestätigen, daß internationale humanitäre Hilfe nur Serben zuteil wird und ebenso nur sie von ihnen angestellt werden. Nach dem Kosovo-Krieg fingen zum ersten Mal jüngere Serben aus Serbien an, nach Knin zurückzukehren. Im Sommer begannen die Spannungen zu wachsen. Die Kroaten aus Bosnien müssen die serbischen Häuser verlassen oder wissen, daß sie sie räumen müssen. Der Vorsitzende des HHO, der hochangesehene ehemalige Richter Vjekoslav Vidovic, verlangte in einem offenen Brief vom Regierungschef rasche Reaktionen, da die interethnische Situation sich zuspitze und die zurückkehrenden Serben Drohungen und Gewaltakten ausgesetzt seien. Einerseits verbreiteten die Medien Panik mit Berichten à la "Knin wird allmählich wieder eine serbische Stadt", andererseits startete die rechtsradikale HSP, die sich als Beschützerin der Kroaten vor Ort aufspielt, eine regelrechte Terrorkampagne gegen zurückkehrende Serben.
Dabei stellt sich die Frage, ob den Folgen der ethnisch motivierten Politik überhaupt mit einer Vorgehensweise begegnet werden kann, die unter dem Vorrang ethnischer Gesichtspunkte konzipiert wurde. Denkbar ist, daß ein intensives Bemühen um wirtschaftliche Entwicklung der Region schon bessere Resultate gebracht hätte, weil nur die Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Fortschritt Menschen - gleich welcher Nationalität - Perspektiven eröffnen kann. Auch eine wohlmeinende ethnische Steuerung läßt sich schwer mit einer wirtschaftlichen Entwicklung verbinden. Wenn der Westen Kroatien von internationalen Wirtschaftsorganisationen und Hilfsprogrammen ausnimmt, dann wird dadurch dem Land und auch dieser Region eine wirtschaftliche Perspektive verweigert. Minderheitenschutz gerät so schnell einseitig: die internationalen Hilfsorganisationen vor Ort verteilen zwar an serbische Bauern Saatgut, nicht aber an kroatische. Ähnliches könnte in Kosovo passieren, wenn man nicht begreift, daß die Eröffnung einer wirtschaftlichen Perpektive für die Region und ihre Bewohner (einschließlich der Freizügigkeit in bezug auf Westeuropa) Priorität vor der Verwirklichung westlicher multikultureller Ideale in einem isolierten Gebiet hat.
1 Von Dubrovnik aus ging die Reise der anderen nach Boka Kotorska an der montenegrinischen Küste wie geplant weiter, allerdings ohne meine Beteiligung. Die Einreise nach Montenegro wäre mit meinen Papieren, bestehend aus einem vorläufigen bundesdeutschen Personalausweis, zwar möglich, soweit die republikeigene montenegrinische Grenzpolizei involviert ist, aber das Risiko einer eventuellen Begegnung mit jugoslawischen Grenz- und Kontrollposten, die den Ausweis nicht akzeptieren würden, doch zu hoch – hieß es. Also blieb ich in Dubrovnik, wo ich telefonisch erfuhr, daß das eigentliche Ziel der Reise – die Übergabe der gespendeten und von Wolfgang Klotz (Palais Jalta, Frankfurt/M.) besorgten Fahrzeuge an die Caritas von Boka Kotorska – erfolgreich abgeschlossen wurde.
2 Im Westen hätte man durchaus auf Einhaltung einiger wesentlicher Grundsätze im Wahlgesetz drängen können, etwa darauf, daß dieses nicht je nach Bedarf mit der einfachen Mehrheit verabschiedet werden darf. Statt dessen agiert der Westen ohne Not parteiisch. Die kroatische Fundamentalopposition bescheinigt ihm deshalb, einzige wirkliche Opposition zu Tudjman und der HDZ zu sein!
3 Im Juniheft des Bulletins des Helsinkikomitees.