"Bei den Europawahlen des 13. Juni gelang nahezu allen bisher in Straßburg vertretenenen Rechtsparteien die Rückkehr ins Parlament … Dagegen erlebte die deutsche Rechte ein Waterloo", so das rechtsextremistische Strategie- und Theorieorgan Nation & Europa (7-8/99, S. 62). Und weiter: "1,7 Prozent für die Republikaner und 0,4 Prozent für die NPD – das ist eine niederschmetternde Quittung für jahrelanges Führungsversagen und rücksichtslose Selbstbeschädigung." In der Tat muß der parteipolitisch agierende Rechtsextremismus das Ergebnis der Europawahl und der vorherigen Bundestagswahl als eine vernichtende Niederlage interpretieren, kamen doch die zwei beziehungsweise drei in Konkurrenz zueinander kandidierenden Parteien lediglich auf 2,1 und 3,3 Prozent der Stimmen und blieben so weit von der parlamentarischen Präsenz entfernt.
Gleichzeitig können ihnen politisch verwandte Parteien in manchen Ländern des europäischen Auslandes seit Jahren regelmäßig Wahlerfolge erzielen und sind als Wahlparteien mit einem relativ festen Stimmenpotential fest verankert. Vor diesem Hintergrund fragt es sich, in welchem Maße die rechtsextremistischen Parteien in Deutschland eine ernsthafte Gefahr für die Demokratie darstellen und warum sie im Unterschied zu anderen Ländern in Europa als Wahlpartei nicht etabliert und demgemäß bundesweit parlamentarisch auch nicht vertreten sind.
Keine historische Kontinuität
Gerade der länderübergreifende analytische Vergleich verweist auf diesbezüglich wichtige Besonderheiten: Im Unterschied etwa zu Italien, wo seit 1947 kontinuierlich im Parlament in Gestalt des "Movimento Sociale Italiano" (MSI) eine rechtsextremistische Partei mit einem regelmäßigen Stammwähler-Potential von zwischen 4 und 7 Prozent vertreten war, verfügt der parteipolitisch organisierte Rechtsextremismus in Deutschland über keine ähnlich historische Kontinuität. Dies gilt zum einen für die organisatorische Ebene, wo sich allenfalls für die fünfziger und sechziger Jahre eine teilweise personelle Beständigkeit feststellen läßt, aber auch für die Wahlzustimmung, die wellenartig auftrat und verschwand. Historisch betrachtet kann für Deutschland von "drei Wellen" der Wahlzustimmung für rechtsextremistische Parteien gesprochen werden (vgl. Pfahl-Traughber 1999; Stöss 1989): Im Verlauf der ersten Welle erzielte die sich stark an die Ideologie des historischen Nationalsozialismus anlehnende "Sozialistische Reichspartei" (SRP) (vgl. Büsch/Furth 1957) insbesondere in Norddeutschland eindrucksvolle Wahlerfolge und erhielt etwa 1951 bei den Landtagswahlen in Niedersachsen 11 Prozent und bei den Wahlen zur Bremer Bürgerschaft 7,7 Prozent der Stimmen. Danach sank die elektorale Zustimmung für das rechtsextremistische Parteienlager wieder auf um die 1 Prozent ab, und zwar unabhängig vom Verbot der SRP im Jahr 1953, erhielten doch auch deren Nachfolge-Parteien bis Mitte der sechziger Jahre lediglich Wahlzustimmungen um den genannten Wert.
Zu einer zweiten Welle rechtsextremistischer Wahlerfolge kam es erst wieder nach Gründung der "Nationaldemokratischen Partei Deutschlands" (NPD) (vgl. Schmollinger 1984) als Sammelorganisation für parteipolitisch aktive Rechtsextremisten im Jahr 1964. Ihr gelang es zwischen 1966 und 1969, mit Wahlzustimmungen von 5,8 (Schleswig-Holstein) bis 9,8 Prozent der Stimmen (Baden-Würrtemberg) einzuziehen, allerdings scheiterte die Partei 1969 bei den Bundestagswahlen mit 4,3 Prozent der Stimmen an der Fünf-Prozent-Hürde und konnte somit keine Fraktion in den Bundestag entsenden. Danach setzte ein Prozeß des organisatorischen wie elektoralen Niederganges ein, und sowohl in den siebziger als auch in der ersten Hälfte der achtziger Jahre konnte mit regionalen Ausnahmen keine rechtsextremistische Partei Wahlzustimmung von weit mehr als einem Prozent der Stimmen für sich verbuchen. Eine dritte Welle von Wahlerfolgen setzte erst wieder in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre ein und zog sich durch die ganzen neunziger Jahre hindurch. Während sich aber in den ersten beiden Wellen ein kontinuierliches Ansteigen und darauf folgendes Absinken feststellen ließ, gab es in dieser zeitlich am längsten andauernden Phase ständig Wellen in der Welle:
Herausragende Wahlerfolge wechselten sich mit geringer Wahlzustimmung ab, und ein kontinuierliches Ansteigen war ebensowenig feststellbar wie die Etablierung einer rechtsextremistischen Partei als Wahlpartei: 1987 erhielt die DVU in Bremen 3,4 Prozent, 1989 die "Republikaner" (REP) bei den Berliner Wahlen 7,5 Prozent und bei den Europa-Wahlen 7,1 Prozent, 1991 die DVU in Bremen 6,2 Prozent, 1992 die REP in Baden-Württemberg 10,9 Prozent und die DVU in Schleswig-Holstein 6,3 Prozent, 1996 die REP in Baden-Württemberg 9,1 Prozent, 1997 die DVU in Hamburg 4, 9 Prozent und 1998 in Sachsen-Anhalt 12,9 Prozent der Stimmen. Diesen Erfolgen standen allerdings in der Gesamtschau dominierend geringe Voten zwischen ein und drei Prozent der Stimmen gegenüber und zwar insbesondere bei den politisch wichtigen Bundestagswahlen. Insofern konnte keine rechtsextremistische Partei in diesen Wellen in der Welle bislang mit einer gewissen Kontinuität in der Wahlzustimmung rechnen, sieht man einmal von Baden-Württemberg ab, wo es den REP 1992 und 1996 gelang, mit einer Wählerzustimmung von um die zehn Prozent in den Landtag einzuziehen.
Diese dritte Welle unterscheidet sich allerdings noch durch eine andere Besonderheit von den ersten beiden Wellen rechtsextremistischer Wahlerfolge in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Anfang der fünfziger Jahre und in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre bestand jeweils nur eine rechtsextremistische Partei, die sich um Zustimmung bei Wahlen bemühte. In der dritten Welle traten und treten häufig drei, mitunter sogar vier und mehr rechtsextremistische Parteien in Konkurrenz zueinander bei Wahlen an und nehmen sich dabei regelmäßig gegenseitig die Stimmen ab. Dies führte in einzelnen Fällen auch dazu, daß man zusammen über fünf Prozent der Stimmen erhielt, aber als getrennt kandidierende Parteien nicht ins Parlament einziehen konnte. Ein Musterbeispiel dafür waren die Wahlen zur Hamburger Bürgerschaft 1993, als die REP 4, 8 Prozent und die DVU 2,8 Prozent, und 1997, als die DVU 4,9 Prozent und die REP 1, 8 Prozent der Stimmen erhielten. Ähnlich wie die Wählerstimmen zersplittern sich auch die aktiven Parteimitglieder auf die drei Parteien, so daß es bedingt durch mangelnde organisatorische Einheit auch keine Einheit im politischen Wirken gibt. Lagerinterne Auseinandersetzungen lähmen dementsprechend die Außenwirkung in die Gesellschaft hinein. Selbst rechtsextremistisch eingestellte Wähler müssen sich irritiert fühlen, wenn die Propagandisten der nationalen Einheit sich noch nicht einmal selbst einigen können. Auch in dieser Hinsicht unterscheidet sich die Situation in Deutschland von der in anderen europäischen Ländern, wo meist nur eine wichtige rechtsextremistische Wahlpartei besteht und Stimmen auf sich zieht (vgl. Pfahl-Traughber 1994). (Die Spaltung des französischen "Front National" Ende 1998 stellt hier eine Ausnahme dar.)
Die mangelnde Einheit der rechtsextremistischen Parteien erklärt sich nicht durch ideologische Unterschiede, lassen sich doch hinsichtlich der jeweiligen Grundpositionen überwiegend Gemeinsamkeiten feststellen. Weitaus ausschlagebender dürften vielmehr organisatorische Egoismen und strategische Differenzen sein. Die REP (vgl. Jaschke 1990) bemühen sich seit dem Wechsel an der Spitze von Franz Schönhuber zu Rolf Schlierer 1994 um ein konservatives und seriöses Image und vermeiden allzu deutliche rechtsextremistische Positionen, um so breiter in die Mehrheitsgesellschaft hinein zu wirken. Demgemäß müssen sie sich formal auch von den langjährig aktiven, sich offener rechtsextremistisch gebenden Organisationen um der taktisch notwendigen scheinbaren Glaubwürdigkeit willen abgrenzen. Dazu gehört neben der NPD auch die DVU (vgl. Obszerninks/Schmidt 1998), die weitaus aggressiver und offener ihre politischen Positionen propagiert, indessen aber keine Parteipolitik im engeren Sinne betreibt, sondern angesichts ihrer unterentwickelten Struktur eher einen "Wahlkampfapparat" darstellt. Sie agiert mehr durch die Anleitung und Gelder ihres Vorsitzenden, des Münchener Verlegers Gerhard Frey, und weniger aus bestehenden und funktionierenden Organisationsstrukturen auf Landes- oder Kommunalebene heraus. Noch aggressiver gibt sich die NPD (vgl. Pfahl-Traughber 1999a), die, in Konkurrenz zu den beiden anderen Parteien stehend, ihre strategische Orientierung weniger auf Parteiarbeit und Wahlkampf, sondern mehr auf Agitation und Aufmärsche richtet. Dabei bekennt die NPD offen die Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates und tritt für einen "völkischen Sozialismus" ein, was auch erklärt, daß man mit Aktionseinheiten mit Neonazis wenig Probleme hat.
Organisatorische Zersplitterung
Neben den mit diesen Besonderheiten verbundenen strategischen Differenzen verhindern aber auch auf die eigene Organisation bezogene Egoismen ein Aufgehen in einer Art "rechtsextremistischen Einheitspartei". Jede Partei beansprucht entweder aufgrund ihrer Tradition oder ihrer Besonderheit die weitere Existenz als eigenständige Kraft, und die jeweiligen Vorsitzenden sind auch nicht gewillt, als jeweilige "Führer" ihrer Partei eben diesen Status aufzugeben. Hinzu kommt, daß die drei Parteien organisatorisch ganz unterschiedlich entwickelt sind. Zwar verfügt die DVU mit 18.000 Personen über die meisten Mitglieder, bei diesen handelt es sich aber mehrheitlich um politisch inaktive Sympathisanten, die sich nicht zu einem längerfristigen aktiven Engagement in der Parteiarbeit motiviert fühlen und demgemäß auch keine wirklich arbeits- und handlungsfähige Parteistruktur bilden. Letzeres liegt wohl auch gar nicht im Interesse des Vorsitzenden Frey, der die Partei autoritär und zentralistisch führt und sie offenbar mehr als sein "Privatunternehmen" denn als Organisation für eine politische Sache versteht. Demgegenüber verfügen die REP mit 15.000 Mitgliedern über eine weitaus besser entwickelte Parteistruktur, die allerdings regional unterschiedlich entwickelt ist: in Baden-Württemberg und Bayern relativ gut, in den östlichen Bundesländern kaum. Und die NPD sieht sich aufgrund ihres starken Mitgliederanstiegs von 4.300 auf 6.000 Personen im Jahr 1998 im Aufwind und meint, sich angesichts ihrer stärker aktionistischen Orientierung auch nicht mit den von ihr als opportunistisch etikettierten Parteien DVU und REP gemein machen zu müssen (Zahlenangaben nach: Verfassungsschutzbericht 1998).
An eine Überwindung der organisatorischen Zersplitterung der rechtsextremistischen Parteien und die Herausbildung einer einheitlichen rechtsextremistischen Wahlpartei ist denn auch aus den genannten Gründen in der nächsten Zeit nicht zu denken. Allenfalls dürften Absprachen hinsichtlich der Kandidaturen zu Wahlen in einzelnen Bundesländern erfolgen, wie das bereits in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre zwischen DVU und NPD geschah. So einigten sich denn auch Frey und Schlierer im November 1998 darauf, Konkurrenzkandidaturen zukünftig möglichst zu vermeiden: Entsprechend erklärte die DVU ihren Verzicht auf eine Kandidatur bei den hessischen Landtagswahlen und die REP ihren Verzicht auf eine Kandidatur zu den Bürgerschaftswahlen in Bremen für das Jahr 1999. Entscheidend wäre allerdings eine Regelung über die Kandidatur zu den Europawahlen im Juni dieses Jahres gewesen: Dazu hatte die DVU eine Gemeinschaftsliste vorgeschlagen, worauf sich der REP-Bundesvorstand allerdings nicht einlassen wollte. Die Schlierer-Partei kündigte lediglich an, ihre Kandidatenlisten auch für parteilose Bewerber öffnen zu wollen. Damit scheiterte erneut eine mögliche Kooperation der beiden wichtigsten rechtsextremistischen Parteien bereits in den Ansätzen. Sie wäre aber wohl auch bei einer gemeinsamen Kandidatur in diesem Fall nicht erfolgreich gewesen. Eine Vereinigung der Parteien dürfte von daher noch weniger wahrscheinlich sein. Allenfalls ist vorstellbar, daß sich im Falle einer eindeutigen Hegemoniestellung einer der beiden Parteien die Basis der jeweils anderen teilweise zu dieser hin bewegt und die Mitgliedschaft wechselt. Letzteres konnte etwa ansatzweise bei den REP in den östlichen Bundesländern nach dem Wahlerfolg der DVU in Sachsen-Anhalt im April 1998 beobachtet werden.
An der Basis der Organisationen und bei strategisch Denkenden ist das Bedürfnis nach einer Bündelung der Kräfte in einer Sammelorganisation, ähnlich dem französischen "Front National" bei seinem Entstehen Anfang der siebziger Jahre, verständlicherweise groß und insofern hat es auch immer wieder entsprechende Initiativen gegeben, sei es die Gründung der "Deutschen Liga für Volk und Heimat" als Sammelbecken, die Einrichtung von "Runden Tischen" oder Initiativen wie die "Vereinigte Rechte", die allerdings alle gescheitert sind. Das Beharren auf Abgrenzung und eigene Dominanz der jeweiligen Parteispitzen verhinderte derartige Bündnisbestrebungen ebenso wie das Fehlen einer im rechtsextremistischen Lager breit akzeptierten politischen Führungsfigur, die das heterogene Lager integrieren und gleichzeitig populistisch nach außen wirken kann. Gerade der Blick über die Landesgrenzen hinaus belegt, wie wichtig solche Personen für das erfolgreiche Wirken rechtsextremistischer Parteien sind, und insofern ist auch der bislang ungehörte Ruf nach einem "deutschen Haider" oder "deutschen Le Pen" aus diesem politischen Lager verständlich. Indessen hätte es selbst eine solche Figur angesichts der stark entwickelten strategischen Differenzen und organisatorischen Egoismen schwer, einen Einigungsprozeß voranzutreiben. Vorherrschend in den Parteien sind nach wie vor Haltungen, die Bündnispolitik entweder nur mit der Aufforderung nach Integration in der jeweils eigenen Partei verbinden oder damit partielle Vorteile bei Wahlkandidaturen für sich selbst erhoffen.
Strukturelle Unterentwicklung und Wählerpotential
Neben der organisatorischen Zersplitterung ist der parteipolitisch agierende Rechtsextremismus auch noch durch seine strukturelle Unterentwicklung gekennzeichnet, was sich am Fehlen von funktionierenden Parteiuntergliederungen verdeutlichen läßt. Lediglich die NPD verfügt mit den "Jungen Nationaldemokraten" (JN) etwa über eine handlungsfähige Jugendorganisation, die allerdings gegenwärtig von heftigen internen Konflikten geprägt ist. Andere Untergliederungen für besondere Zielgruppen bestehen nicht oder agieren kaum. Darüber hinaus ist das rechtsextremistische Parteienlager durch das Fehlen kompetenter Protagonisten und programmatischer Positionen gekennzeichnet. Politische Aussagen erschöpfen sich meist in Allgemeinplätzen zu wenigen Politikfeldern, wozu vor allem die mit fremdenfeindlichen Ressentiments ideologisch aufgeladene Ausländerpolitik gehört. Gleichwohl schließt die Diffusität von politischen Forderungen nicht notwendigerweise Wahlerfolge aus, was die mitunter erstaunlich hohen Voten für eine Partei wie die DVU zeigen. Besondere Beachtung verdient darüber hinaus auch das konkrete Agieren der rechtsextremistischen Mandatsträger in den Parlamenten sowohl auf kommunal- und landespolitscher Ebene als auch im Europaparlament. Deren Wirken, worauf verschiedene detaillierte Studien hingewiesen haben (vgl. Butterwegge 1998; Hafeneger 1995), ist durch Abspaltungen, Streitigkeiten und Zerwürfnisse in den Fraktionen, Mangel an Engagement, Kontinuität und Sachkompetenz und die weitgehende Beschränkung auf wenige Arbeitsfelder gekennzeichnet. All diese Faktoren zusammengenommen dürften gegen die längerfristige Etablierung einer rechtsextremistischen Partei als Wahlpartei sprechen.
Stellen demnach die rechtsextremistischen Parteien keine sonderliche Gefahr dar? Die Frage kann hinsichtlich der "Angebotsseite" mit Einschränkungen bejaht werden, wofür die aufgezeigten Schwächen und die Zersplitterung sprechen. Indessen gibt es noch eine Nachfrageseite, die aus demokratietheoretischer Sicht das eigentliche Problem darstellt. Hierbei geht es um den sogenannten soziologischen Rechtsextremismus, das Einstellungs- und Wählerpotential. Mit ersterem ist jener Bevölkerungsanteil gemeint, welcher über mehr oder minder stark entwickelte rechtsextremistische Orientierungen verfügt. Solche müssen nicht in Gestalt von geschlossenenen Weltbildern vorhanden sein, sondern können sich auch in Deutungsmustern und Mentalitäten artikulieren. Über deren quantitativen Anteil wurden zahlreiche sozialwissenschaftliche Studien erstellt, welche je nach Kriterien und inhaltlicher Zuordnung das rechtsextremistische Einstellungspotential auf zwischen 6 und 17 Prozent der Bevölkerung beziffern (vgl. SINUS 1981; Falter 1994). Im hier zu erörternden Kontext bedarf es keiner genaueren Aufschlüsselung und Bezifferung dieses Anteils, es mag der Hinweis genügen, daß das rechtsextremistische Einstellungspotential weit über dem des durchschnittlichen rechtsextremistischen Wählerpotentials liegt, was, wie bereits erwähnt, bei den Europawahlen 1999 lediglich bei 2,1 und bei den Bundestagswahlen 1998 lediglich bei 3,3 Prozent der Stimmen lag. Hier zeigt sich entgegen einer vielfach behaupteten Auffassung, daß das Motiv zur Wahl von DVU, NPD und REP keinesfalls primär im Protestverhalten ohne ideologische Übereinstimmung zu sehen ist.
Umgekehrt gilt demnach aber auch, daß das rechtsextremistische Einstellungspotential nicht immer rechtsextremistisch wählt. Mehrere Untersuchungen haben darauf hingewiesen, daß derart eingestellte Personen mitunter sogar stärker zur Wahl der demokratischen Volksparteien denn zur Wahl der rechtsextremistischen Parteien bereit sind (vgl SINUS 1981; Falter 1994; Stöss 1999). Dieses Ergebnis mag irritierend und widersprüchlich wirken, läßt sich aber durchaus schlüssig erklären: Aufgrund der noch nicht erfolgten Etablierung einer rechtsextremistischen Partei als Wahlpartei besteht die Gefahr eines "Verschenkens" seiner Stimme, insbesondere bei von starker Polarisierung zwischen den demokratischen Parteien geprägten Auseinandersetzungen vor den Wahlen oder bei einer als besonders wichtig angesehenen Wahl wie etwa den Bundestagswahlen. Darüber hinaus kann auch die geringe Bindung von rechtsextremistisch Eingestellten an rechtsextremistische Parteien angesichts deren öffentlichen Erscheinungsbildes nicht verwundern, das sowohl durch das Fehlen von vorzeigbaren Persönlichkeiten und programmatischen Alternativen als auch durch politisches Unvermögen und innerer Zerstrittenheit geprägt ist. Insofern wählen auch rechtsextremistisch Eingestellte mitunter rechtsextremistische Parteien, durchaus auch im Wissen um die Defizite des Objektes ihres Wahlvotums, sie können es aber auch je nach eigener Befindlichkeit und Lageeinschätzung zugunsten einer anderen Entscheidung sein lassen. Teilweise erklärt gerade dieser Sachverhalt mit das wellenartige Aufkommen und Abflauen der Wahlzustimmung zugunsten der rechtsextremistischen Parteien in der "dritten Welle".
Mit diesen Hinweisen soll nun keineswegs abgestritten werden, daß auch reines Protestverhalten zur Wahl einer rechtsextremistischen Partei führen kann. Gleichwohl wäre hier zu fragen, ob sich ein wirklich überzeugter Demokrat durch Unmut zu einer solchen Wahlentscheidung hinreißen lassen würde. Vielmehr ist in solchen Fällen von einer Verknüpfung der Motive "Ideologie" und "Protest" auszugehen: Beides – Einstellungen und Orientierungen einerseits und Protestverhalten und Unmut andererseits – muß zusammenkommen, soll es zur Wahl von rechtsextremistischen Parteien führen. Eine längerfristige Etablierung einer solchen politischen Kraft dürfte indessen erst bei der Herausbildung einer attraktiv wirkenden rechtsextremistischen Partei möglich sein. Insofern dürften Wahlerfolge von DVU, NPD und REP sporadisch bleiben. Sie veranschaulichen indessen aber auch das Vorhandensein eines nicht zu unterschätzenden rechtsextremistischen Einstellungs- und Orientierungspotentials in der Bevölkerung, das gerade im Bereich der Jungwähler zuzunehmen scheint: Während 1998 bei den Bundestagswahlen lediglich 3,3 Prozent insgesamt rechtsextremistische Parteien wählten, waren es in der Altersgruppe der Männer zwischen 18 und 24 Jahren immerhin zehn Prozent. Von daher existiert ein nicht zu unterschätzendes Sympathiepotential in der Bevölkerung, das aufgrund des Unvermögens auf der "Angebotsseite" der rechtsextremitischen Parteien bislang noch nicht stärker mobilisiert und damit auch etabliert werden konnte.
Dabei bilden die gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen durchaus einen günstigen Nährboden für den Rechtsextremismus. Es sei hier nur auf eine zunehmende sozialpolitische Krisenentwicklung verwiesen, die sich mit den Stichworten: hohe Arbeitslosigkeit, Folgen der Globalisierung und Krise des Sozialstaates je nach unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und geographischen Regionen andeuten läßt. Da derartige Veränderungsprozesse einhergehen mit einer weitgehenden Inaktivität der etablierten Politik gegenüber diesen Problemen und gleichzeitig die Verdrossenheit gegenüber Institutionen und Parteien steigt, wächst ein rechtsextremistisch mobilisierbares Potential weiterhin an. Angesichts der erwähnten internen Defizite des rechtsextremistischen politischen Lagers dürfte es von diesem längerfristig kaum eingebunden werden. Gleichwohl bedrohen solche Entwicklungsprozesse unter Umständen die Funktionsfähigkeit der Demokratie. Daraus sollten aber keine dramatisierenden Einschätzungen abgeleitet werden. Die französische Demokratie funktioniert mit dem "Front National" als etablierter Wahlpartei und mit einem festen Sympathisanten-Potential von 15 Prozent und mehr in der Bevölkerung ebenfalls weiter. Die Existenz der Republik ist entgegen manchen anderslautenden Stimmen nicht in Gefahr. Abwieglung, Ignoranz und Verharmlosung sind angesichts des sich latent wie manifest zeigenden Gefahrenpotentials aber ebensowenig gerechtfertigt. Seine Befruchtung dürfte dieses Gefahrenpotential allerdings weniger durch lagerinterne Entwicklungen, sondern mehr durch externe Wirkungszusammenhänge erfahren: durch Entwicklungen in der Gesellschaft, die den Rechtsextremismus beflügeln.
LITERATUR:
Büsch, Otto/Furth, Peter (1957): Rechtsradikalismus im Nachkriegsdeutschland. Studien über die "Sozialistische Reichspartei" (SRP), Köln-Opladen
Butterwegge, Christoph u.a. (1997): Rechtsextremisten in Parlamenten. Forschungsstand – Fallstudien – Gegenstrategien, Opladen
Falter, Jürgen W. (1994): Wer wählt rechts? Die Wähler und Anhänger rechtsextremistischer Parteien im vereinigten Deutschland, München
Hafeneger, Benno (1995): Politik der "extremen Rechten". Eine empirische Untersuchung am Beispiel der hessischen Kommunalparlamente, Schwalbach
Jaschke, Hans-Gerd (1990): Die Republikaner. Profile einer Rechtsaußen-Partei, Bonn
Pfahl-Traughber, Armin (1994): Volkes Stimme? Rechtspopulismus in Europa, Bonn
Pfahl-Traughber, Armin (1999) Rechtsextremismus in der Bundesrepublik, München
Pfahl-Traughber, Armin (1999a): Die NPD zwischen Aktion und Politik, in: Uwe Backes/Eckhard Jesse (Hrsg.), Extremismus & Demokratie 11, Baden-Baden
Obszerninks, Britta/Schmidt, Matthias (1998): DVU im Aufwärtstrend – Gefahr für die Demokratie? Fakten, Analysen, Gegenstrategien, Münster
Schmollinger, Horst W. (1984): Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands; in: Richard Stöss (Hrsg.), Parteien-Handbuch. Die Parteien in der Bundesrepublik Deutschland 1945-1980, Opladen, S. 1922-1994
SINUS (Hrsg.) (1981): 5 Millionen Deutsche: "Wir sollten wieder einen Führer haben …" Die SINUS-Studie über rechtsextremistische Einstellungen bei den Deutschen, Reinbek
Stöss, Richard (1989): Die extreme Rechte in der Bundesrepublik. Entwicklung, Ursachen, Gegenmaßnahmen, Opladen
Stöss, Richard (1999): Rechtsextremismus und Wahlen 1998; in: Jens Mecklenburg (Hrsg.): Braune Gefahr. DVU, NPD, REP. Geschichte und Zukunft, Berlin, S. 146-165
Verfassungsschutzbericht 1998, hrsg. vom Bundesministerium des Inneren, Bonn